Vermögensungleichheit: Es geht nicht nur um Geld, sondern um Macht
Deutschland ist ein reiches Land – aber dieser Reichtum ist außerordentlich ungleich verteilt. Nach der Vermögensbefragung der Deutschen Bundesbank verfügte ein privater Haushalt 2023 im Durchschnitt über ein Nettovermögen von rund 324.800 Euro. Der Median lag jedoch nur bei 103.200 Euro. Die Hälfte aller Haushalte besitzt also weniger als diesen Betrag. Aktuellere Schätzungen der Europäischen Zentralbank reichen inzwischen bis Ende 2025. Sie bestätigen das Grundproblem: Der Vermögensbestand verändert sich mit Immobilienpreisen, Aktienkursen und Ersparnissen, an der starken Konzentration ändert sich jedoch nur wenig.
Der enorme Abstand zwischen Durchschnitt und Median ist kein statistisches Detail. Er zeigt, wie stark große Vermögen den Durchschnitt nach oben ziehen. Während ein Teil der Bevölkerung Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Wertpapiere und größere Erbschaften besitzt, verfügt ein anderer Teil kaum über Rücklagen. Für diese Haushalte werden schon eine kaputte Waschmaschine, eine hohe Heizkostenabrechnung oder ein vorübergehender Einkommensausfall zum finanziellen Problem.
Besonders deutlich wird die Konzentration beim reichsten Zehntel. Betrachtet man das klassische Nettovermögen aus Immobilien, Unternehmen, Wertpapieren und sonstigen Vermögenswerten, besitzt diese Gruppe rund 60 Prozent des Gesamtvermögens.
In der Internetökonomie gilt: digitale Geschäftsmodelle sind häufig durch hohe Anfangsinvestitionen, geringe Grenzkosten, Netzwerkeffekte und eine starke Skalierbarkeit gekennzeichnet. Ist eine Plattform oder Software erst einmal erfolgreich, können Umsatz und Unternehmenswert sehr schnell steigen, ohne dass der Personal- und Kapitaleinsatz im gleichen Umfang wachsen muss. Ein großer Teil des dadurch entstehenden Vermögenszuwachses fließt den Eigentümern von Unternehmen, Aktien, Datenbeständen und anderen immateriellen Vermögenswerten zu.
Wer bereits Kapital besitzt, partizipiert deshalb unmittelbar an der digitalen Wertschöpfung. Wer ausschließlich von seinem Arbeitseinkommen lebt, bleibt weitgehend außen vor. Die Internetökonomie kann Vermögenskonzentration damit beschleunigen: Digitale Märkte folgen häufig einer „Winner-takes-most“-Logik, während Arbeitseinkommen mit den steigenden Unternehmensbewertungen kaum Schritt halten.
Daraus folgt aber auch eine andere Konsequenz: Vermögensbildung darf nicht mehr fast ausschließlich als Sparen auf dem Konto verstanden werden. Über kostengünstige, breit gestreute Fonds können heute auch Haushalte mit kleineren Beträgen an der weltweiten Unternehmens- und Produktivkapitalentwicklung teilhaben. Die technischen Zugangshürden sind gesunken. Das eigentliche Problem bleiben geringe Einkommen, fehlende Rücklagen, mangelnde finanzielle Bildung und ein Steuersystem, das den langfristigen Vermögensaufbau kleiner und mittlerer Einkommen kaum systematisch unterstützt.
Vermögensungleichheit lässt sich daher nicht durch eine einzige Steuer beseitigen. Notwendig sind eine reformierte Erbschaftsteuer, eine angemessene Beteiligung sehr großer Vermögen und zugleich ein breiter Zugang zu produktivem Kapital – etwa durch gefördertes Beteiligungssparen und ein Startkapital für junge Menschen.
Sehr große Vermögen schaffen vor allem zusätzliche Macht: Sie ermöglichen die Kontrolle über Unternehmen, Plattformen, Daten und öffentliche Kommunikation. Wenn in der Internetökonomie immer weniger Menschen die digitalen Produktionsmittel besitzen, wird aus wirtschaftlicher Ungleichheit zunehmend gesellschaftliche Abhängigkeit. Die soziale Marktwirtschaft muss deshalb nicht nur Einkommen verteilen. Sie muss mehr Menschen zu Eigentümern machen.
Quellenhinweis: Deutsche Bundesbank, Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF 2023); Europäische Zentralbank, Distributional Wealth Accounts; IW-Kurzbericht 59/2025; DIW Berlin, Politikberatung kompakt 211/2026.
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