Moderne Zeiten: Herausforderungen für rationale Entscheidungen
Auf diesem Info-Blog wird häufig über viele Themen geschrieben, vor allem wirtschaftliche Themen. In diesem Essay geht es um etwas sehr Grundsätzliches, was den Zustand unserer Gesellschaft betrifft. Dies ist so elementar weil es Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen berührt: eine zerstörte Gesellschaft mit nicht abgeglichenen Interessen und extremer Zerstrittenheit hat erhebliche ökologische und ökonomische Konsequenzen:
Es gibt Zeiten, in denen Gesellschaften vor allem über Lösungen streiten. Und es gibt Zeiten, in denen sie beginnen, über die Wirklichkeit selbst zu streiten. Deutschland und andere westliche Demokratien befinden sich zunehmend in einer solchen Phase. Klimawandel, demografische Alterung, Investitionsstau, soziale Ungleichheit, geopolitische Konflikte und technologische Umbrüche verlangen erhebliche Anpassungen. Doch ein wachsender Teil der politischen Debatte verspricht etwas anderes: Man müsse eigentlich nur zu einer vermeintlich besseren Vergangenheit zurückkehren.
Das ist mehr als Nostalgie. Es ist eine krasse Form politischer Verdrängung.
Besonders zugespitzt zeigt sich dies bei der AfD und anderen rechtsradikalen, populistischen Parteien. Die Afd fordert ausdrücklich die Einhaltung der Schuldenbremse, eine Rückführung der Verschuldung und eine deutliche Begrenzung staatlicher Ausgaben. Gleichzeitig sollen Bürger und Unternehmen steuerlich erheblich entlastet werden; unter anderem fordert die Partei die Abschaffung der Erbschaftsteuer. Darüber hinaus sucht sie das Heil in der Begrenzung des Zuzugs von Ausländern und der „Remigration“ von Menschen, die sich bereits in Deutschland aufhalten.
Wer gleichzeitig Steuern senkt, zusätzliche Leistungen verspricht, Verschuldung zurückführen und wesentliche öffentliche Aufgaben finanzieren will, gerät zwangsläufig in finanzielle Zielkonflikte.
Politik kann Knappheit nicht abschaffen
Die große politische Illusion dieser Betrachtungen besteht darin, dass demokratische Entscheidungen ökonomische und physische Restriktionen beseitigen könnten. Das können sie nicht.
Eine Gesellschaft kann Steuern senken. Dann muss sie entweder Ausgaben reduzieren, andere Einnahmen erhöhen, Vermögen veräußern oder mehr Schulden aufnehmen. Sie kann höhere Renten beschließen. Dann müssen Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Steuerzahler oder künftige Generationen dafür aufkommen.
Das ist keine Ideologie. Es ist zunächst einfache Finanzwirtschaft.
Politik kann Kosten verteilen. Sie kann sie nicht verschwinden lassen.
Es entsteht organisierte Irrationalität: Nicht unbedingt, weil einzelne Menschen irrational wären, sondern weil ein politisches System widersprüchliche Erwartungen gleichzeitig bedient.
Die Wirklichkeit verhandelt nicht
Der Klimawandel zeigt besonders deutlich, wo diese Vorstellung an ihre Grenzen stößt.
Über die richtige Klimapolitik kann gestritten werden. Über CO₂-Preise, Verbote, Förderungen, Kernenergie, erneuerbare Energien oder internationale Lastenteilung bestehen legitime politische Unterschiede.
Nicht verhandelbar ist jedoch, dass Klimaveränderungen wirtschaftliche Schäden verursachen.
Eine vom DIW aufgegriffene Studie beziffert die kumulierten volkswirtschaftlichen Schäden des Klimawandels in Deutschland allein für den Zeitraum 2022 bis 2050 – abhängig vom Klimaszenario – auf etwa 280 bis 900 Milliarden Euro. Für die Jahre 2000 bis 2021 werden bereits realisierte Schäden von rund 145 Milliarden Euro genannt.
Man kann eine CO₂-Abgabe abschaffen. Man kann Klimaschutzprogramme kürzen. Man kann politische Beschlüsse rückgängig machen.
Man kann aber nicht beschließen, dass Hochwasser, Hitzeschäden, Ernteausfälle, Waldschäden, gesundheitliche Belastungen oder zerstörte Infrastruktur deshalb nicht mehr auftreten.
Die Rechnung verschwindet nicht. Sie kommt lediglich an anderer Stelle.
Nichtstun ist deshalb ebenfalls eine Entscheidung – und häufig eine sehr teure.
Dasselbe gilt für Krieg und Sicherheit
Auch geopolitisch erlebt Europa eine brutale Rückkehr der Wirklichkeit.
Über Jahrzehnte konnte man hoffen, wirtschaftliche Verflechtung werde militärische Konflikte immer unwahrscheinlicher machen. Der russische Angriff auf die Ukraine hat diese Vorstellung zerstört.
Verteidigung kostet Geld. Energiesicherheit kostet Geld. Der Schutz kritischer Infrastruktur kostet Geld. Ebenso kosten Pflege, Renten, Bildung, Digitalisierung und Klimaanpassung Geld.
Man kann diese Ausgaben politisch ablehnen. Man kann aber nicht darüber abstimmen, ob die zugrunde liegenden Risiken existieren.
Damit wird eine Frage immer wichtiger:
Wer trägt die Kosten – und wann?
Denn häufig bedeutet die Verweigerung heutiger Ausgaben lediglich, dass morgen höhere Ausgaben entstehen.
Demografie und Rente
Besonders deutlich zeigt sich die politische Verdrängung beim Thema Rente und demografischer Wandel. Deutschland altert, die geburtenstarken Jahrgänge scheiden aus dem Erwerbsleben aus, und immer weniger Beitragszahler müssen für immer mehr Rentner aufkommen. Daran ändert auch politische Rhetorik nichts. Wer stabile oder steigende Renten verspricht, muss deshalb sagen, wie sie finanziert werden sollen: durch höhere Beiträge, höhere Steuerzuschüsse, ein höheres Renteneintrittsalter, stärkere kapitalgedeckte Elemente, mehr Zuwanderung in den Arbeitsmarkt oder eine Kombination daraus. Auch hier gilt: Der demografische Wandel ist kein politisches Narrativ, sondern eine rechnerische Realität. Ihn zu verdrängen bedeutet lediglich, die finanziellen Lasten auf die Zukunft zu verschieben.
Demokratie ist kein Selbstbedienungsladen
Hinter dieser Entwicklung steckt möglicherweise noch ein tieferes Missverständnis darüber, was Demokratie eigentlich bedeutet.
Demokratie bedeutet nicht, dass der Staat jedem Bürger jene Wirklichkeit bereitstellen muss, die dieser sich persönlich wünscht.
Sie ist kein Selbstbedienungsladen.
Demokratie ist vielmehr ein Verfahren zum friedlichen Umgang mit Knappheit, Interessengegensätzen und Zumutungen. Sie verlangt Kompromisse. Sie verlangt die Anerkennung von Minderheiten. Und sie verlangt, Entscheidungen auch dann zu akzeptieren, wenn man selbst sie nicht unterstützt.
Vor allem verlangt Demokratie Verantwortung.
Die Verführung der einfachen Erklärung
Populistische Politik funktioniert häufig genau umgekehrt.
Komplexe Zusammenhänge werden auf wenige Schuldige reduziert: Migration, Brüssel, „die Eliten“, Klimapolitik, Medien oder Globalisierung.
Das ist psychologisch attraktiv und wenn die Medien diese Denkweise übernehmen, gibt es eine positive Rückschleife: mehr Aufregung, mehr Klicks, mehr Aufmerksamkeit.
Denn wenn ein identifizierbarer Gegner schuld ist, muss man die eigenen Erwartungen nicht überprüfen. Die Vergangenheit kann idealisiert werden, Veränderungen erscheinen als künstlich erzeugtes Problem, und politische Lösungen wirken plötzlich einfach.
Was derweil passiert: Infrastruktur altert. Fachkräfte fehlen. Technologien verändern Geschäftsmodelle. Andere Länder investieren. Extremwetter verursacht Schäden. Verteidigung muss organisiert werden. Kapital und qualifizierte Arbeitskräfte suchen attraktive Standorte.
Eine Gesellschaft kann auf diese Veränderungen reagieren.
Oder sie kann sie verdrängen.
Dann verliert sie Jahre – vielleicht Jahrzehnte.
Der eigentliche Konflikt unserer Zeit
Vielleicht verläuft eine der entscheidenden politischen Trennlinien unserer Zeit deshalb nicht mehr ausschließlich zwischen links und rechts.
Sie verläuft zwischen Realitätsakzeptanz und Realitätsverweigerung.
Über Lösungen muss gestritten werden. Das ist der Sinn demokratischer Politik. Über Migration ebenso wie über Steuern, Sozialstaat, Klimaschutz oder Verschuldung.
Doch diese Debatten sollten mit einer gemeinsamen Anerkennung beginnen: Es gibt Restriktionen.
Eine alternde Gesellschaft verändert die Finanzierung des Sozialstaates. Klimawandel verursacht Kosten. Verteidigungsfähigkeit benötigt Ressourcen. Infrastruktur verschleißt. Investitionen müssen finanziert werden.
Demokratische Mehrheiten können entscheiden, wie wir damit umgehen.
Sie können diese Tatsachen aber nicht abschaffen.
Deshalb ist Demokratie anspruchsvoll. Sie verlangt nicht nur das Recht, Interessen zu vertreten. Sie verlangt die Bereitschaft, eine gemeinsame Wirklichkeit anzuerkennen und anschließend darüber zu streiten, wie wir mit ihr umgehen.
Vielleicht ist das die entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit: nicht immer neue Wunschwelten zu versprechen, sondern eine Gesellschaft wieder dazu zu befähigen, unbequeme Wirklichkeit auszuhalten.
Quellen
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Claudia Kemfert: Zwei Jahrzehnte Klimakostenforschung: Präventiver Klimaschutz als volkswirtschaftlicher Vorteil, DIW Wochenbericht 38/39, 2025.
DIW Berlin – Klimakostenforschung
Hirschfeld, Jesko et al. (2023): Kosten durch Klimawandelfolgen in Deutschland, Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, Prognos AG und Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung; zitiert und eingeordnet im DIW-Wochenbericht 2025.
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