Wenn Kapital wieder teuer wird
Über viele Jahre war Kapital im Überfluss vorhanden und billig. Staaten konnten sich günstig verschulden, Unternehmen Investitionen problemlos finanzieren und Anleger mussten für Rendite immer höhere Risiken eingehen. Diese Welt scheint endgültig vorbei zu sein.
Das derzeit vielleicht wichtigste Signal kommt deshalb nicht von den Aktienbörsen, sondern vom Anleihemarkt. Die Rendite langfristiger US-Staatsanleihen erreichte zeitweise 5,34 Prozent – den höchsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten. Auch deutsche und französische Langfristrenditen sind deutlich gestiegen. Reuters führt dafür vor allem hohe Staatsdefizite, Inflationsrisiken und ein wachsendes Angebot neuer Anleihen an.
Das ist weit mehr als eine technische Bewegung am Rentenmarkt. Langfristige Staatsanleiherenditen bilden einen Referenzzins für große Teile der Finanzwirtschaft. Steigen sie dauerhaft, verteuern sich Unternehmensanleihen, Hypotheken, Infrastrukturprojekte und andere Finanzierungen. Gleichzeitig erhöht sich der Diskontierungszins, mit dem zukünftige Unternehmensgewinne bewertet werden. Gerade hoch bewertete Technologieunternehmen reagieren darauf empfindlich.
Staaten brauchen viel Kapital – die KI aber auch
Interessant wird die Entwicklung durch einen zweiten Effekt: Zur enormen staatlichen Kapitalnachfrage kommt der Finanzierungsbedarf der KI-Ökonomie.
Rechenzentren, Chips, Stromversorgung, Kühlsysteme und Netze erfordern gewaltige Investitionen. Und längst wird nicht mehr alles aus den hohen Cashflows der Technologiekonzerne finanziert. Reuters berichtet, dass die Anleiheemissionen der fünf großen Hyperscaler Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle 2026 auf rund 250 Milliarden Dollar steigen könnten – etwa doppelt so viel wie im Vorjahr.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Wettbewerb um langfristiges Kapital.
Die USA müssen ihre hohen Defizite finanzieren, andere Staaten ebenfalls. Gleichzeitig drängen Technologie- und Infrastrukturunternehmen mit immer größeren Emissionen auf den Anleihemarkt. Reuters spricht ausdrücklich von einem möglichen „Crowding-out“-Effekt: Steigt das Angebot von Unternehmensanleihen massiv, kann Kapital von Staatsanleihen abgezogen werden. Deren Kurse fallen und die Renditen steigen. Allerdings ist diese Erklärung unter Marktbeobachtern umstritten – die KI-Finanzierung ist also eher ein zusätzlicher Verstärker als die Hauptursache des Renditeanstiegs.
Hinzu kommen Ölpreise von mehr als 90 Dollar je Barrel. Bleiben die Energiepreise hoch, erhöht dies die Inflationsrisiken und erschwert den Notenbanken deutliche Zinssenkungen.
Das Paradox des KI-Booms
Damit entsteht eine interessante Rückkopplung. Die Erwartung enormer Produktivitätsgewinne durch KI hat die Bewertungen vieler Technologieunternehmen nach oben getrieben. Doch der Aufbau der dafür erforderlichen Infrastruktur verschlingt gleichzeitig enorme Mengen Kapital.
Die KI-Revolution könnte deshalb selbst dazu beitragen, den Preis des Kapitals hoch zu halten. Und höhere langfristige Zinsen drücken wiederum besonders auf die Bewertung jener Wachstumsunternehmen, deren Gewinne weit in der Zukunft erwartet werden.
Noch ist die Staatsverschuldung der wesentlich größere Faktor. Aber die Dimension der KI-Finanzierung wird zunehmend relevant.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Wie groß wird der KI-Boom?
Sondern auch: Wer finanziert ihn – und zu welchem Preis?
Quelle: Reuters: „Bond selloff slows but stocks sink“, 19. August 2026
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