Lock-in und Enshittification
Mit Lock-in-Effekten haben wir uns in der Finanzwirtschaft in der Internetökonomie bereits im Zusammenhang mit Plattformen, Netzwerkeffekten und digitalen Ökosystemen beschäftigt. Die aktuelle Debatte um Cory Doctorows Begriff der „Enshittification“ zeigt jedoch eine weitere wichtige Dimension: Lock-in kann den Wettbewerbsdruck so weit reduzieren, dass Plattformbetreiber einen immer größeren Teil der geschaffenen Wertschöpfung selbst abschöpfen können.
Doctorows These ist bewusst provokant formuliert. Plattformen seien anfangs gut zu ihren Nutzern, später würden sie die Nutzer zugunsten ihrer Geschäftskunden schlechter behandeln und schließlich auch bei diesen die Bedingungen verschärfen, um möglichst viel Wertschöpfung bei der Plattform selbst zu konzentrieren.
Man muss dafür allerdings nicht unbedingt auf Gier oder einen verlorenen moralischen Kompass zurückgreifen. Ökonomisch lässt sich dieser Mechanismus wesentlich nüchterner mit Netzwerkeffekten, Wechselkosten und Lock-in erklären.
Erst kommt der Netzwerkeffekt
Digitale Plattformen müssen zunächst wachsen. Dafür brauchen sie Nutzer – und häufig gleichzeitig Händler, Entwickler, Dienstleister oder Werbekunden. Je mehr Teilnehmer hinzukommen, desto attraktiver wird die Plattform für weitere Teilnehmer. Es entstehen direkte und indirekte Netzwerkeffekte.
In dieser Phase ist der Wettbewerb häufig intensiv. Leistungen werden günstig oder kostenlos angeboten, Schnittstellen geöffnet und Nutzer mit komfortablen Angeboten gewonnen. Wachstum und Marktanteile können zunächst wichtiger sein als kurzfristige Rentabilität.
Mit zunehmender Größe verändert sich jedoch die Situation.
Ein soziales Netzwerk ist für den Einzelnen vor allem deshalb wertvoll, weil andere Menschen dort erreichbar sind. Ein Marktplatz ist für Händler attraktiv, weil sich dort Kunden befinden – und für Kunden, weil dort viele Händler anbieten. Betriebssysteme gewinnen an Wert, wenn zahlreiche Anwendungen dafür existieren.
Treffen solche Netzwerkeffekte auf erhebliche Wechselkosten, kann daraus Lock-in entstehen.
Wechselkosten verändern den Wettbewerb
Dabei geht es keineswegs nur um technische Wechselkosten. Nutzer haben Daten gespeichert, Medien gekauft, Apps erworben, Kontakte aufgebaut oder sich an bestimmte Arbeitsabläufe gewöhnt. Unternehmen haben Software integriert, Mitarbeiter geschult und Schnittstellen programmiert.
Ein Wechsel verursacht deshalb finanzielle, organisatorische und teilweise soziale Kosten.
Der entscheidende Punkt lautet: Je höher diese Wechselkosten sind, desto stärker muss eine Alternative sein, damit sich ein Wechsel überhaupt lohnt.
Lock-in bedeutet allerdings nicht automatisch Marktmacht. Können Nutzer problemlos mehrere Dienste parallel verwenden, ihre Daten mitnehmen oder konkurrierende Systeme über offene Schnittstellen miteinander verbinden, bleibt der Wettbewerbsdruck erhalten. Problematisch wird die Kombination aus starken Netzwerkeffekten, hohen Wechselkosten und geringer Interoperabilität.
Dann verändert sich das Machtverhältnis. Der etablierte Anbieter gewinnt Spielraum, Preise oder Gebühren zu erhöhen, Werbung auszuweiten oder Leistungen zu reduzieren, ohne unmittelbar eine entsprechende Abwanderung befürchten zu müssen.
Das ist die ökonomisch interessante Seite von Doctorows „Enshittification“.
Von der Kundenbindung zur Rentenabschöpfung
Ein größerer Teil der Konsumenten- und Produzentenrente kann damit von der Plattform abgeschöpft werden. Soweit diese zusätzlichen Erlöse nicht durch höhere Kosten aufgezehrt oder reinvestiert werden, erhöhen sie die Unternehmensgewinne – und kommen damit letztlich den Eigentümern beziehungsweise Aktionären zugute.
Deshalb sind nicht Größe oder wirtschaftlicher Erfolg digitaler Unternehmen an sich problematisch. Wettbewerbspolitisch relevant wird die Verbindung von Marktmacht, Netzwerkeffekten, Wechselkosten und fehlender Interoperabilität.
Damit erhalten Datenportabilität, offene Schnittstellen und Interoperabilität eine zentrale ökonomische Bedeutung. Genau hier setzt inzwischen auch der europäische Digital Markets Act an: Nutzer und Unternehmen sollen sich leichter zwischen digitalen Ökosystemen bewegen können und Wettbewerber besseren Zugang zu zentralen Plattformfunktionen erhalten.
Mit KI könnte die nächste Runde beginnen
Für die weitere Entwicklung der Internetökonomie ist dieser Zusammenhang besonders interessant. Denn mit generativer KI könnten neue Lock-in-Strukturen entstehen.
Unternehmen integrieren Modelle in ihre Prozesse, entwickeln Agenten, hinterlegen Dokumente und Daten, bauen eigene Workflows auf und verbinden KI-Systeme über APIs mit Buchhaltung, CRM oder Produktionssystemen. Der Wechsel eines einzelnen Sprachmodells mag technisch vergleichsweise einfach sein. Der Wechsel eines über Jahre aufgebauten KI-Ökosystems kann dagegen erheblich schwieriger werden.
Der zukünftige Lock-in liegt deshalb möglicherweise weniger im KI-Modell selbst als in der darüber aufgebauten Infrastruktur aus Daten, Agenten, Schnittstellen, Workflows und organisatorischem Wissen.
Damit könnte sich ein bekanntes Muster der Internetökonomie wiederholen: Zunächst senkt eine neue Technologie Transaktionskosten und intensiviert den Wettbewerb. Mit zunehmender Konzentration können Netzwerkeffekte und Wechselkosten jedoch neue Marktmacht entstehen lassen.
Doctorows drastischer Begriff der „Enshittification“ beschreibt somit ein reales ökonomisches Problem. Für die Analyse der Internetökonomie ist jedoch der dahinterliegende Mechanismus entscheidender:
Gier erklärt wenig. Anreizstrukturen, Lock-in und Marktmacht erklären sehr viel.
Quellen
- OECD – Competition, Regulation and Growth in a Digitized World
- OECD – The Evolving Concept of Market Power in the Digital Economy
- OECD – Data-driven Markets: Lock-in, Network Effects and Switching Costs
- EU-Kommission – Digital Markets Act: Interoperability
- EU-Kommission – Digital Markets Act: Data Portability
- EU-Kommission – Data Act: Switching und Interoperabilität
- NIST – Cloud Computing Standards Roadmap
- Cory Doctorow – Enshittification: Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können (Blumenbar/Aufbau Verlag, 2026)
- Cory Doctorow – Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse and What To Do About It (Verso/Bloomsbury, 2026)
- Offizielle Enshittification-Seite von Cory Doctorow
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