Deutsche Unternehmen müssen immer länger auf ihr Geld warten. Nach einer Untersuchung des Kreditversicherers Allianz Trade vergehen inzwischen durchschnittlich 55 Tage zwischen Rechnungsstellung und Zahlungseingang. Der gesamte Zeitraum vom betrieblichen Geldeinsatz bis zum Eingang der Kundenzahlung lag 2025 bei 79 Tagen. Für 2026 wird ein weiterer Anstieg auf 83 Tage erwartet.[1]

Für kleine und mittlere Unternehmen ist das mehr als ein Ärgernis. Eine Rechnung ist zwar Umsatz, aber noch keine Liquidität. Material, Löhne, Energie, Sozialabgaben und Steuern müssen häufig bezahlt werden, bevor der Kunde seine Rechnung begleicht. Das Unternehmen finanziert den Auftrag zunächst selbst und gewährt dem Kunden faktisch einen Lieferantenkredit.

Besonders problematisch ist die zeitliche Lücke zwischen Ein- und Auszahlungen. Deutsche Unternehmen bezahlen ihre Lieferanten nach Angaben von Allianz Trade im Durchschnitt bereits nach 35 Tagen. Kundenzahlungen gehen jedoch deutlich später ein. Diese Differenz muss aus eigenen Mitteln oder über Bankkredite finanziert werden.

Gerade kleinere Unternehmen verfügen nur über begrenzte Liquiditätsreserven. Nach Angaben der KfW erzielen 83 Prozent der mittelständischen Unternehmen einen Jahresumsatz von höchstens einer Million Euro, 81 Prozent beschäftigen weniger als fünf Mitarbeiter.[2] Der typische Mittelständler hat deshalb weder einen direkten Kapitalmarktzugang noch eine eigene Finanzabteilung. Er ist stark auf Eigenmittel, Hausbankkredite und Kontokorrentlinien angewiesen.

Wachstum verschärft den Finanzierungsbedarf

Auch wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen können dadurch in Schwierigkeiten geraten. Mehr Aufträge bedeuten zunächst mehr Materialeinsatz, Personalkosten und Vorleistungen. Wird erst Wochen später bezahlt, steigt mit dem Umsatz zugleich der Finanzierungsbedarf.

Ein einfaches Beispiel: Bei einem Jahresumsatz von 1,2 Millionen Euro bindet eine Verlängerung der durchschnittlichen Zahlungsdauer um zehn Tage rechnerisch rund 33.000 Euro zusätzlich in offenen Forderungen. Dieses Geld fehlt für laufende Ausgaben oder Investitionen.

Hinzu kommen steigende Lagerbestände. Viele Unternehmen wechseln von „Just-in-Time“ zu „Just-in-Case“. Sie halten mehr Materialien und Vorprodukte vor, um Lieferengpässe zu vermeiden. Das erhöht zwar die Widerstandsfähigkeit, bindet aber zusätzliches Kapital.[1]

Kredite werden wichtiger

Nach Angaben der KfW wurden 2024 rund 51 Prozent der mittelständischen Investitionen aus Eigenmitteln finanziert. Bankkredite hatten einen Anteil von 32 Prozent, Fördermittel von 13 Prozent.[2]

Die Europäische Zentralbank berichtet zugleich von gestiegenen Finanzierungskosten für KMU. Externe Mittel werden häufig für Betriebskapital und Lagerbestände benötigt.[3] Genau hier wirken verspätete Kundenzahlungen: Je länger Forderungen offenbleiben, desto stärker wächst der Bedarf an kurzfristigen Krediten.

Kontokorrentkredite können solche Lücken überbrücken, sind aber vergleichsweise teuer. Werden sie dauerhaft zur Finanzierung hoher Forderungsbestände eingesetzt, wird aus einer kurzfristigen Hilfe eine strukturelle Belastung.

Factoring und Einkaufsfinanzierungen können helfen, die Finanzierungslücke zu verkürzen. Beim Factoring verkauft das Unternehmen seine offenen Forderungen an einen Finanzdienstleister und erhält einen großen Teil des Rechnungsbetrags kurzfristig ausgezahlt. Dadurch wird gebundene Liquidität schneller verfügbar. Je nach Vertragsgestaltung übernimmt der Factor zusätzlich das Ausfallrisiko und Teile des Forderungsmanagements. Dem stehen Gebühren gegenüber, sodass sich Factoring vor allem bei regelmäßigem Forderungsvolumen und zahlungsfähigen Geschäftskunden lohnt.

Bei der Einkaufsfinanzierung wird dagegen die Beschaffung von Waren, Rohstoffen oder Vorprodukten vorfinanziert. Ein Finanzierungspartner bezahlt den Lieferanten, während das Unternehmen den Betrag erst zu einem späteren Zeitpunkt zurückzahlt. So lässt sich die Zeit zwischen Materialeinkauf, Produktion, Verkauf und Kundenzahlung überbrücken. Besonders für wachsende Unternehmen oder Betriebe mit hohen Lagerbeständen kann dies sinnvoll sein. Beide Instrumente verbessern die Liquidität.

Fazit

Späte Zahlungen sind für KMU ein handfestes Finanzierungsproblem. Unternehmen geraten zwischen früh zu bezahlende Lieferanten, höhere Lagerbestände und spät zahlende Kunden.

Deshalb reicht es nicht, nur auf Umsatz und Gewinn zu schauen. Entscheidend ist, wann aus Umsatz tatsächlich verfügbares Geld wird. Wer Forderungen, Lagerbestände und Zahlungsströme nicht aktiv steuert, finanziert seine Kunden – und muss sich das dafür benötigte Geld möglicherweise selbst teuer bei der Bank beschaffen.

Quellen

Nein, in der gekürzten Fassung sind sie nur genannt, aber nicht anklickbar. Hier sind die klickbaren Quellen:

  1. Allianz Trade – Global Cash Conversion Cycle Report 2026
  2. KfW Research – Mittelstand
  3. EZB – Survey on the Access to Finance of Enterprises, Q1 2026
  4. KfW – ERP-Förderkredit KMU 365/366