Der Ölpreis wird wieder zum Risiko für die Weltwirtschaft
Die Eskalation im Nahen Osten entwickelt sich zunehmend von einem geopolitischen Konflikt zu einem globalen Wirtschaftsproblem. Angriffe auf Schiffe, Drohnenattacken auf die saudische Ölinfrastruktur und die anhaltenden Schwierigkeiten, sichere Transportwege durch die Straße von Hormus zu gewährleisten, treiben die Energiepreise erneut nach oben. Am 14. September stieg der Preis für Brent-Rohöl um rund drei Prozent auf etwa 108 US-Dollar je Barrel. Gleichzeitig legte der Dollar zu. (Reuters)
Das Entscheidende ist jedoch nicht der Ölpreis eines einzelnen Tages. Problematisch ist vielmehr, dass das internationale Energiesystem gleich an mehreren Stellen unter Druck gerät.
Hormus als Nadelöhr der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus ist einer der wichtigsten strategischen Engpässe der Weltwirtschaft. Vor Beginn des Konflikts wurden dort nach Angaben der Internationalen Energieagentur täglich rund 15 Millionen Barrel Rohöl und weitere fünf Millionen Barrel Ölprodukte transportiert. Das entspricht ungefähr einem Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs. Die IEA bezeichnet die inzwischen eingetretene Störung ausdrücklich als die größte Angebotsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes – größer als die Ölkrise von 1973. (IEA)
Zwar haben Produzenten und Verbraucher auf den Ausfall reagiert. Andere Förderländer liefern mehr, Lagerbestände werden abgebaut, und alternative Transportrouten werden genutzt. Dadurch konnte bisher ein noch drastischerer Preisschock verhindert werden. Doch diese Puffer werden kleiner. Die IEA beziffert den Rückgang der beobachteten weltweiten Ölbestände seit Beginn des Konflikts inzwischen auf mehr als 500 Millionen Barrel. (IEA)
Hinzu kommt nun ein weiteres Problem: Die saudische East-West-Pipeline ist nach einem Drohnenangriff jüngst erheblich beschädigt worden. Sie transportiert Öl vom Persischen Golf zum Roten Meer und ist gerade deshalb wichtig, weil sie die Straße von Hormus umgehen kann. Nach aktuellen Berichten dürfte die Anlage für mehrere Wochen nur eingeschränkt verfügbar sein. (AP News)
Damit wird ausgerechnet eine der wichtigsten Ausweichmöglichkeiten geschwächt.
Auch das Rote Meer wird zum Risiko
Gleichzeitig verschärft sich die Lage am südlichen Zugang zum Roten Meer. Die Huthi-Miliz hat ihre militärischen Aktivitäten ausgeweitet und kontrolliert zunehmend strategisch wichtige Positionen rund um die Meerenge Bab al-Mandab. Auch dort verlaufen bedeutende internationale Handels- und Energierouten. (AP News)
Für den Ölmarkt entsteht damit eine ungewöhnlich gefährliche Konstellation: Nicht primär fehlende Ölreserven sind das Problem, sondern die Möglichkeit, das vorhandene Öl zuverlässig zum Verbraucher zu transportieren.
Das ist ökonomisch ein wichtiger Unterschied. Öl kann durchaus vorhanden sein – wenn Tanker aber Umwege fahren müssen, Versicherungsprämien steigen oder Pipelines ausfallen, verteuert sich trotzdem die gesamte Lieferkette. Die Risikoprämie wird unmittelbar in die Marktpreise eingerechnet.
Diesel ist möglicherweise das größere Problem
Besonders bemerkenswert ist dabei eine Entwicklung, die in der Diskussion um den Rohölpreis leicht übersehen wird. Die Engpässe bei bereits raffinierten Produkten sind teilweise noch größer.
Nach dem jüngsten Oil Market Report der IEA lagen die Exporte von Diesel und Gasöl aus den Golfstaaten im August nur noch bei etwas mehr als einem Viertel des Vorkriegsniveaus. Gleichzeitig beeinträchtigen Angriffe auf russische Raffinerien das Angebot zusätzlich. Die Preise für Dieselprodukte sind deshalb teilweise wesentlich stärker gestiegen als der Rohölpreis. (IEA)
Gerade für Europa ist das wichtig. Diesel ist nicht nur ein Kraftstoff für Pkw. Er spielt eine zentrale Rolle im Güterverkehr, in der Landwirtschaft, bei Baumaschinen und in zahlreichen industriellen Prozessen.
Steigende Dieselpreise wirken deshalb wie eine Art Kostensteuer auf die gesamte Volkswirtschaft.
Vom Ölpreis zur Inflation
Damit entsteht die nächste Wirkungskette. Steigende Energiepreise treffen zunächst Tankstellen, Fluggesellschaften, Speditionen und energieintensive Unternehmen. Danach werden sie über höhere Transport- und Produktionskosten schrittweise an andere Wirtschaftsbereiche weitergegeben.
Genau dieser Mechanismus war nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zu beobachten.
Dabei sollte man allerdings nicht vorschnell unterstellen, dass sich die Inflationsentwicklung von 2022 exakt wiederholt. Volkswirtschaften haben ihre Energieversorgung teilweise diversifiziert, Unternehmen und Haushalte reagieren inzwischen schneller auf hohe Preise, und die Nachfrage kann bei sehr hohen Energiepreisen zurückgehen.
Aber der grundsätzliche Mechanismus bleibt bestehen:
Ölpreisanstieg → höhere Produktionskosten → höhere Verbraucherpreise → höhere Inflationserwartungen.
Und genau hier wird die aktuelle Entwicklung auch geldpolitisch brisant.
Die Europäische Zentralbank hat am 10. September ihre Leitzinsen erneut um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Sie begründet dies ausdrücklich mit dem zusätzlichen Inflationsdruck durch den Nahostkonflikt. Für 2026 erwartet die EZB inzwischen eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,0 Prozent, deutlich oberhalb ihres mittelfristigen Zwei-Prozent-Ziels. (European Central Bank)
Das eigentliche Risiko: Inflation und schwaches Wachstum zugleich
Damit ergibt sich ein unangenehmes wirtschaftspolitisches Dilemma.
Normalerweise reagiert eine Zentralbank auf eine schwächelnde Wirtschaft mit niedrigeren Zinsen. Steigen jedoch gleichzeitig die Energiepreise und damit die Inflation, wird eine solche Zinssenkung schwieriger. Im Gegenteil: Die Zentralbank könnte gezwungen sein, die Geldpolitik länger restriktiv zu halten oder sogar weiter zu straffen.
Das belastet Investitionen, Immobilienmärkte und Unternehmensfinanzierungen zusätzlich.
Die Gefahr besteht also nicht allein darin, dass Benzin oder Diesel einige Cent teurer werden. Es droht vielmehr eine Kombination aus
hohen Energiepreisen, höherer Inflation, höheren Zinsen und schwächerem Wachstum.
Ökonomen sprechen bei einer ausgeprägten Kombination von Inflation und wirtschaftlicher Stagnation von Stagflation. Von einer solchen Situation muss heute noch nicht gesprochen werden. Aber das Risiko hat eindeutig zugenommen.
Die IEA rechnet inzwischen sogar damit, dass die weltweite Ölnachfrage 2026 um rund 2,5 Millionen Barrel täglich zurückgeht. Das ist keineswegs nur eine positive Nachricht im Sinne geringeren Ölverbrauchs. Ein Teil dieses Rückgangs ist schlicht Ausdruck hoher Preise, eingeschränkter Verfügbarkeit und schwächerer wirtschaftlicher Aktivität – also klassischer „Demand Destruction“. (IEA)
Der Ölmarkt sendet ein Warnsignal
Noch ist nicht entschieden, wie weit diese Entwicklung geht. Eine politische Entspannung im Nahen Osten und eine verlässliche Wiederöffnung der Transportwege könnten den erheblichen Risikoaufschlag im Ölpreis schnell reduzieren. Umgekehrt könnten weitere Angriffe auf Pipelines, Tanker oder Häfen den Markt erneut deutlich nach oben treiben.
Genau darin liegt derzeit das eigentliche Problem: Der Ölpreis enthält nicht nur die aktuelle Knappheit, sondern auch die Angst vor der nächsten Störung.
Aus einem militärischen Konflikt in der Golfregion entsteht damit eine globale wirtschaftliche Wirkungskette. Sie beginnt bei einem Tanker in der Straße von Hormus oder einer Pipeline in Saudi-Arabien – und kann über Ölpreise, Transportkosten und Inflation schließlich bei den Zinsen, Unternehmensinvestitionen und der Kaufkraft deutscher Haushalte ankommen.
Der Ölpreis ist deshalb wieder zu einem der wichtigsten Frühwarnindikatoren für die Weltwirtschaft geworden.
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Quellenbasis: Reuters, 14.09.2026; IEA, Oil Market Report September 2026; IEA, Sheltering From Oil Shocks; EZB, Geldpolitische Beschlüsse vom 10.09.2026; Associated Press, 14.09.2026. (Reuters)
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