Die Inflation ist zurück – jedenfalls deutlich stärker, als es sich die Europäische Zentralbank gewünscht haben dürfte. Im August 2026 stieg die Inflationsrate in Deutschland auf 2,9 Prozent, im Euroraum sogar auf 3,3 Prozent. Damit entfernt sich die Preisentwicklung wieder erheblich vom mittelfristigen Inflationsziel der EZB von 2 Prozent. Noch ist das keine Wiederholung des Inflationsschocks von 2022. Aber die Entwicklung ist ernst zu nehmen.

Besonders auffällig ist der erneute Anstieg der Energiepreise. Im Euroraum verteuerte sich Energie im August gegenüber dem Vorjahr um 14,3 Prozent, in Deutschland um 10,5 Prozent. Dabei ist die übrige Preisentwicklung bislang wesentlich weniger dramatisch: Die deutsche Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel liegt bei 2,4 Prozent. Auch im Euroraum beträgt die Inflation ohne Energie 2,2 Prozent. Das spricht zunächst gegen eine bereits voll entwickelte neue Inflationswelle.

Energie ist kein gewöhnliches Konsumgut. Höhere Öl-, Gas- und Strompreise schlagen über Transport, Produktion und Logistik auf zahlreiche andere Güter und Dienstleistungen durch. Aus einem zunächst externen Energiepreisschock kann deshalb eine breitere Kosteninflation entstehen. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen die höheren Kosten weitergeben und ob sich daraus wiederum höhere Lohnforderungen entwickeln.

Die Erfahrungen von 2022 sind dabei noch sehr präsent. Im Oktober 2022 erreichte die Inflation im Euroraum 10,6 Prozent. Dieser Inflationsschock wirkte weit über den eigentlichen Preisanstieg hinaus. Denn Inflation bedeutet nicht, dass die Preise später wieder auf ihr altes Niveau zurückkehren. Wenn die Inflationsrate sinkt, steigen die Preise lediglich langsamer weiter. Das deutlich höhere Preisniveau bei Lebensmitteln, Energie und vielen Dienstleistungen bleibt bestehen. Gerade Haushalte mit niedrigeren Einkommen trifft dies besonders stark, weil ein größerer Anteil ihres Einkommens für den täglichen Konsum aufgewendet werden muss.

Deshalb geht es für die EZB inzwischen auch um Glaubwürdigkeit. Ihr primäres Mandat ist die Preisstabilität; sie definiert diese als eine mittelfristige Inflationsrate von 2 Prozent. Eine zweite ausgeprägte Inflationswelle innerhalb weniger Jahre würde Zweifel daran wecken, ob die Notenbank dieses Ziel tatsächlich dauerhaft gewährleisten kann.

Die EZB steht damit vor einem klassischen Dilemma. Einerseits muss sie verhindern, dass sich die Inflation verfestigt. Andererseits ist die europäische Konjunktur schwach. Die eigenen Projektionen der EZB erwarten für 2026 lediglich 0,8 Prozent Wachstum im Euroraum bei durchschnittlich 3,0 Prozent Inflation. Für das dritte und vierte Quartal rechnet die EZB im Basisszenario sogar mit Inflationsraten von rund 3,4 Prozent.

Eine Zinserhöhung belastet jedoch die gesamte Wirtschaft. Sie verteuert Unternehmenskredite, Immobilienfinanzierungen und Investitionen und erhöht zugleich die Finanzierungskosten der Staaten. Genau darin liegt das Besondere der gegenwärtigen Situation. Die EZB bekämpft mit höheren Zinsen eine Inflation, die wesentlich durch Energie- und Angebotsschocks verursacht wird. Sie kann aber weder Öl produzieren noch Handelswege sichern oder geopolitische Konflikte beenden. Ihr Instrument – der Zins – wirkt stattdessen auf die gesamte Nachfrage.

Dennoch spricht derzeit vieles für einen weiteren Zinsschritt. Eine Reuters-Umfrage unter 65 Ökonomen erwartet für die EZB-Sitzung am 10. September mehrheitlich eine Erhöhung des Einlagenzinses um 0,25 Prozentpunkte von 2,25 auf 2,50 Prozent. Schon im Juni hatte die EZB ihre Leitzinsen wegen des erneuten Inflationsdrucks um 25 Basispunkte angehoben.

Hinzu kommt ein zweites Warnsignal: die Anleihemärkte. Weltweit sind die Renditen langfristiger Staatsanleihen deutlich gestiegen. Zehnjährige US-Staatsanleihen rentierten Anfang September um 4,8 Prozent, britische Staatspapiere zeitweise über 5,2 Prozent. Dahinter stehen nicht nur Inflationserwartungen, sondern auch wachsende Staatsverschuldung und ein zunehmendes Angebot an Anleihen. Höhere Renditen verteuern wiederum die Refinanzierung der Staaten.

Damit könnte sich eine grundsätzlich neue Situation abzeichnen. Über Jahrzehnte wirkten Globalisierung, weltweite Arbeitsteilung und günstige Energie eher preisdämpfend. Heute treten dagegen neue inflationäre Faktoren hinzu: geopolitische Konflikte, Protektionismus, die strategische Kontrolle wichtiger Rohstoffe und Technologien, höhere Verteidigungsausgaben, enorme Investitionen in Infrastruktur und zugleich steigende Staatsverschuldung.

Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass hohe Inflation dauerhaft zurückkehrt. Es spricht aber einiges dafür, dass die Zeit extrem niedriger Inflation und extrem niedriger Zinsen nicht einfach wiederkommt.

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders problematisch. Die Wirtschaft kämpft ohnehin mit schwachem Wachstum, hohen Energie- und Standortkosten sowie strukturellen Problemen in wichtigen Industriezweigen. Höhere Zinsen helfen gegen die Inflation – belasten aber gleichzeitig Investitionen und Konjunktur.

Das eigentliche Risiko liegt daher nicht in einer Inflationsrate von 2,9 oder 3,3 Prozent allein. Es liegt in der Kombination aus steigender Inflation, hohen Energiepreisen, schwachem Wachstum und zunehmenden Finanzierungskosten. Genau deshalb muss die EZB jetzt verhindern, dass aus dem gegenwärtigen Energiepreisschock eine neue, sich selbst verstärkende Inflationsrunde entsteht.

Die kommenden Monate werden zeigen, ob wir es lediglich mit einem vorübergehenden Energiepreisschub zu tun haben – oder mit dem Beginn eines dauerhaft inflationäreren wirtschaftlichen Umfelds.

Quellen

Statistisches Bundesamt (Destatis), 31.08.2026: Inflationsrate Deutschland August 2026: 2,9 %, Kerninflation 2,4 %, Energie +10,5 %.
Destatis – Inflationsrate im August 2026

Eurostat, 01.09.2026: Inflation im Euroraum 3,3 %, Energie +14,3 %, Dienstleistungen +3,0 %.
Eurostat – Euro area annual inflation up to 3.3%

Europäische Zentralbank, Juni 2026: Projektionen für Inflation und Wachstum; Basisszenario 2026: Inflation 3,0 %, Wachstum 0,8 %.
EZB – Macroeconomic Projections June 2026

Europäische Zentralbank: Definition der Preisstabilität und mittelfristiges Inflationsziel von 2 %.
EZB – Two per cent inflation target

Eurostat, November 2022: Inflationsrate im Euroraum im Oktober 2022: 10,6 %.
Eurostat – Inflation October 2022

Reuters, 03.09.2026: Umfrage unter 65 Ökonomen zur erwarteten Zinserhöhung der EZB auf 2,50 %.  https://www.reuters.com/world/ecb-raise-rates-second-time-september-then-done-say-economists-2026-09-03/

Reuters, 01.–04.09.2026: Entwicklung der internationalen Anleihemärkte und steigende langfristige Renditen.

Markus Zydra, Süddeutsche Zeitung, 05.09.2026: „Die EZB muss einen Schock verhindern“, Kommentar zur Inflation im Euroraum.