Ein interessanter Nebeneffekt der aktuellen KI-Welle ist nicht nur, dass ganze Branchen potenziell verändert werden – sondern wie Kapitalmärkte diese Erwartung schon heute in Kurse übersetzen. Der Bloomberg-Kolumnist Matt Levine hat das jüngst in zugespitzter Form beschrieben: Ein KI-Anbieter kündigt ein neues Produkt an, das „irgendeine Branche“ effizienter macht – etwa Softwareentwicklung, Steuerplanung oder Vermögensberatung – und noch am selben Tag geraten die Aktien der betroffenen Unternehmen unter Druck. Nicht unbedingt, weil das Produkt sofort Umsätze vernichtet. Sondern weil Märkte mittlerweile gelernt haben, dass KI-Disruption real sein kann – und deshalb lieber erst verkaufen und später nachdenken.

Der Mechanismus dahinter ist nüchtern betrachtet plausibel. Börsenkurse sind Gegenwartswerte erwarteter Zukunftsgewinne. Wenn ein neues KI-Tool die Margen einer Branche bedroht, sinkt die erwartete Ertragskraft – zumindest in der Wahrscheinlichkeit, die Anleger dem Szenario beimessen. Entscheidend ist: Es reicht nicht nur das Ereignis selbst. Schon die Zuschreibung von Risiko kann große Kursbewegungen auslösen. Levine formuliert das pointiert als „Monetarisierung von Angst“: Finanzmärkte können ein mögliches schlechtes Zukunftsszenario heute in Geld umwandeln – also in Kursverluste der Betroffenen und Gewinne für diejenigen, die richtig positioniert sind.

In der Praxis wirkt das wie ein Reflex. Ein neues Tool wird vorgestellt, Social Media und Finanzpresse verbreiten die Story, Analysten beginnen zu extrapolieren – und in einem Umfeld, in dem viele Anleger ohnehin nach dem nächsten „AI-winner/AI-loser“-Narrativ suchen, entsteht eine kurzfristige Überreaktion. Das kann gerade jene Unternehmen treffen, die sich in der Wahrnehmung als „ersetzbar“ darstellen: kleinere Softwareanbieter, Teile der Wealth-Management-Industrie, Dienstleister mit standardisierbaren Prozessen. Der Abverkauf folgt dann weniger einer Detailanalyse als einem Muster: Disruption = Risiko = raus aus der Position.

Für den Kapitalmarkt ist das doppelt relevant. Erstens steigt die Volatilität, weil Produktankündigungen oder Demos plötzlich kursrelevant werden wie früher Zinsentscheidungen oder Quartalszahlen. Zweitens entstehen Bewertungsverschiebungen, die sich selbst verstärken können: Sinkende Kurse erschweren Finanzierung, drücken Übernahmebewertungen oder erhöhen den Druck auf Kostensenkung – was wiederum die strategische Handlungsfähigkeit schwächt. Aus einer Erwartung wird schnell ein realer wirtschaftlicher Effekt.

Das heißt nicht, dass jede KI-Ankündigung tatsächlich Branchen „frisst“. Aber es zeigt, wie stark der Markt inzwischen auf das Narrativ reagiert – und wie schnell sich Zukunftsängste in aktuelle Preise übersetzen. Wer das nüchtern betrachtet, erkennt: KI ist nicht nur Technologie. Sie ist längst auch ein finanzielles Ereignis, das Erwartungen, Risiken und Bewertungen in Echtzeit neu sortiert.