Digitale Souveränität
Frankreich zeigt derzeit, wie digitale Souveränität praktisch umgesetzt werden kann: nicht als Boykott amerikanischer Technologie, sondern als gezielter Aufbau von Alternativen, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Behörden und öffentliche Einrichtungen stellen zentrale Kommunikations- und Kollaborationstools schrittweise von US-Plattformen wie Microsoft Teams und Zoom auf europäische bzw. französische Lösungen um. Der Kern dieser Strategie ist nüchtern: Wer kritische Arbeitsprozesse, Datenhaltung und Kommunikation auf Systeme auslagert, die außerhalb des eigenen Rechts- und Einflussraums kontrolliert werden, erhöht seine Verwundbarkeit.
Der französische Ansatz wird im Fall der Videokonferenzen besonders sichtbar. Mit „Visio“ führt der Staat eine Open-Source-basierte Lösung ein, die innerhalb der französischen Verwaltungslandschaft skaliert werden soll – bis 2027 als Standard in Regierungseinrichtungen. Ziel ist, dass sensible Kommunikation nicht von Entscheidungen externer Anbieter abhängt und dass Daten unter nationaler bzw. europäischer Hoheit verbleiben.[1][2] Diese Bewegung wird häufig als „Trump-Effekt“ beschrieben: geopolitische Unsicherheit erhöht die Sensibilität für das Risiko, dass digitale Dienste aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen eingeschränkt werden könnten.[1][3] Entscheidend ist dabei weniger die Wahrscheinlichkeit eines Extremfalls als die Tatsache, dass schon die Möglichkeit strategische Abhängigkeit erzeugt.
Frankreich verankert diese Logik institutionell. Die staatliche Digitalverwaltung (DINUM) treibt seit Jahren eine „cloud au centre“-Doktrin voran, die staatliche IT-Projekte stärker an Souveränitäts- und Schutzanforderungen bindet. Damit wird „Cloud“ nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern in Regeln übersetzt, unter denen Cloud-Nutzung als vertretbar gilt.[4] In Kombination mit Open Source entsteht ein Prinzip, das man als „Kontrollfähigkeit“ bezeichnen kann: Quelloffene Lösungen sind auditierbar, Anbieterwechsel ist realistischer, und Datenhaltung kann stärker regionalisiert werden.
Ökonomisch kommt ein zweiter, oft unterschätzter Hebel hinzu: Kosten- und Lock-in-Dynamiken. Lizenzmodelle großer Plattformanbieter führen zu dauerhaften Zahlungsverpflichtungen, Preisrisiken und eingeschränkter Verhandlungsmacht. Frankreich argumentiert explizit mit Einsparpotenzialen (als Daumenregel wird eine Größenordnung von rund 1 Mio. Euro pro 100.000 Nutzer genannt), die bei öffentlichen Budgets schnell relevant werden.[3] Souveränität wird so auch zu Industrie- und Standortpolitik: Wertschöpfung (Betrieb, Anpassung, Support) bleibt eher im europäischen Markt, statt als Lizenzrente abzufließen.
Frankreich ist dabei nicht allein, aber ein sichtbarer Taktgeber. Deutschland gilt im europäischen Vergleich häufig als zögerlicher – mit Ausnahmen wie Schleswig-Holstein, das in der Landesverwaltung große Teile auf Open-Source-Office umstellt und den Schritt öffentlich als Beitrag zu digitaler Souveränität begründet.[5] Auf EU-Ebene existiert zudem eine explizite Open-Source-Strategie der Kommission, die Open Source als Baustein moderner, resilienter Verwaltungstechnologie positioniert.[6]
Das strategische Fazit: Europas Ziel sollte „Nutzung ohne Erpressbarkeit“ sein. Frankreich liefert hierfür ein handhabbares Modell: Schrittweise Migration, Fokus auf Behörden und Bildung als Anker-Nutzergruppen, Open Source als Ausweich- und Kontrolloption – und Cloud-Regeln, die Souveränität operationalisieren. In einer Welt, in der selbst Datenzugriff durch extraterritoriale Rechtsrahmen zum Thema werden kann, ist diese Optionalität kein Luxus, sondern Risikomanagement.[7]
Fußnoten / Quellen
[1] Heise (27.01.2026): Frankreich ersetzt MS Teams und Zoom durch „Visio“ (Open Source) und plant Umstellung bis 2027. (heise online)
[2] Euronews (27.01.2026): Frankreich rollt Visio regierungsweit bis 2027 aus und ersetzt US-Plattformen. (euronews)
[3] Silicon Republic (28.01.2026): Bericht zur Umstellung inkl. Begründung (u. a. Lizenzkosten/ Einsparlogik). (Silicon Republic)
[4] Französische Regierung (numerique.gouv.fr): Programm/Regeln zur Doktrin „cloud au centre“ (Einbindung in staatliche IT-Kontrollen). (Numerique)
[5] Land Schleswig-Holstein (04.12.2025): Presseinfo zur Open-Source-Umstellung (LibreOffice etc.) und Argument „digitale Souveränität“. (schleswig-holstein.de)
[6] EU-Kommission: Open Source Software Strategy 2020–2023 (offizielles Strategiepapier/Seite). (European Commission)
[7] US-Kongress (CLOUD Act, H.R. 4943): Rechtsgrundlage zu grenzüberschreitendem Datenzugriff bei US-Providern. (Congress.gov)
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