Der Iran-Krieg trifft Europa im denkbar schlechtesten Moment
Der Iran-Krieg ist für Europa kein ferner Konflikt. Er trifft den Kontinent an seiner empfindlichsten Stelle: bei der Energieversorgung, der industriellen Wettbewerbsfähigkeit und der ohnehin schwachen wirtschaftlichen Dynamik.
Mit der weitgehenden Blockade der Straße von Hormus ist eine zentrale Arterie der Weltwirtschaft beschädigt. Vor dem Krieg passierten täglich rund 20 Millionen Barrel Öl diese Meerenge. In den ersten Monaten des Konflikts sank der Durchfluss zeitweise auf durchschnittlich nur noch 2,7 Millionen Barrel. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur handelt es sich um die größte Unterbrechung der globalen Ölversorgung, die jemals registriert wurde. (IEA)
Damit ist die Lage grundlegend ernster als bei einer gewöhnlichen Ölpreisschwankung. Es geht nicht nur darum, ob ein Barrel Öl 90, 100 oder 120 Dollar kostet. Es geht darum, ob Energie in ausreichender Menge, zu kalkulierbaren Preisen und über sichere Handelswege verfügbar bleibt.
Europa trifft dieser Schock im denkbar schlechtesten Moment – Deutschland vor allem. Das Wachstum ist schwach, die Industrie steht unter erheblichem Wettbewerbsdruck, Investitionen werden zurückgestellt und viele Haushalte haben die Kaufkraftverluste der vergangenen Jahre noch nicht überwunden. Nun steigen erneut die Kosten für Verkehr, Logistik, Chemie, Landwirtschaft und industrielle Produktion.
Die Europäische Kommission erwartet, dass die Energieinflation in der EU 2026 zeitweise auf mehr als elf Prozent steigt und über weite Teile des Jahres zweistellig bleibt. (Economy and Finance) Die EZB verweist zugleich darauf, dass der Krieg nicht nur Preise erhöht, sondern auch die physische Versorgung mit Energie und anderen Gütern aus der Golfregion beeinträchtigt. (European Central Bank)
Der Schock breitet sich durch die gesamte Wirtschaft aus. Unternehmen können die höheren Kosten vielfach nicht vollständig weitergeben, weil die Nachfrage schwach und der internationale Konkurrenzdruck hoch ist. Die Folge sind sinkende Margen, weniger Investitionen und wachsender Druck auf Beschäftigung und Standorte. Eine aktuelle EZB-Unternehmensbefragung zeigt bereits, dass viele Firmen auf steigenden Kosten sitzen bleiben. (Reuters)

Gleichzeitig gerät die Geldpolitik in eine sehr schwierige Lage. Eine schwächelnde Wirtschaft bräuchte niedrigere Zinsen. Der neue Inflationsschub verlangt dagegen Zurückhaltung oder sogar eine erneute Straffung. Die EZB kann fehlendes Öl nicht produzieren und keine sichere Passage durch die Straße von Hormus herstellen. Sie kann nur versuchen, die Zweitrundeneffekte zu begrenzen – und riskiert dabei, die Konjunktur weiter abzuwürgen.
Europa droht deshalb mehr als eine vorübergehende Wachstumsdelle. Der Iran-Krieg könnte zum Beschleuniger einer schleichenden Deindustrialisierung werden. Energieintensive Produktion, die schon heute unter hohen Kosten leidet, verliert weiter an Boden. Investitionen wandern in Regionen ab, in denen Energie günstiger und die politischen Rahmenbedingungen berechenbarer sind.
Der Konflikt legt eine strategische Schwäche offen, die Europa zu lange verdrängt hat: Wirtschaftliche Souveränität setzt eine sichere Energieversorgung voraus. Wer bei zentralen Rohstoffen, Handelswegen und militärischer Absicherung von anderen abhängig ist, besitzt nur begrenzte wirtschaftspolitische Handlungsfreiheit.
Mittel- und langfristig könnte diese Krise jedoch zum Beschleuniger einer wirtschaftlichen Erneuerung werden. Jede Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduziert zugleich die Anfälligkeit gegenüber geopolitischen Konflikten. Investitionen in Energieeffizienz, Elektrifizierung, erneuerbare Energien und intelligente Netze sind deshalb längst nicht mehr nur klimapolitische Maßnahmen – sie werden zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Wer weniger Öl benötigt, gewinnt nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch wirtschaftliche Stabilität und strategische Handlungsfreiheit.
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