Der jüngste Doppelbefund aus zwei sehr unterschiedlichen Branchen zeigt, in welchem Tempo künstliche Intelligenz mittlerweile in Unternehmensprozesse hineinwächst: Allianz Partners will bis zu 1800 Stellen streichen, vor allem im Callcenter. HP kündigt einen Abbau von 4000 bis 6000 Arbeitsplätzen an, um produktiver und KI-getrieben zu werden. Beide Fälle sind prominent, weil die Unternehmen offen sagen, was lange Zeit nur implizit galt: KI ersetzt bestimmte Tätigkeiten – sichtbar, messbar und spürbar.

Doch diese Entwicklung ist weder dramatisch noch überraschend. Sie markiert etwas anderes: eine Neuordnung von Tätigkeiten, nicht den großflächigen Wegfall von Arbeit. Deshalb lohnt ein differenzierter Blick.


Allianz Partners: Wenn Routine digital wird

Die Versicherungsbranche lebt von Massenvorgängen und standardisierbaren Prozessen. Allianz Partners erhält täglich rund 200.000 Anrufe, von denen viele einfache Statusanfragen oder administrative Änderungen betreffen. Genau hier ist KI stark: Sie versteht Sprache, erkennt Muster und kann standardisierte Informationen zuverlässig ausgeben. Dass ein Teil dieser Aufgaben automatisiert wird, ist ein logischer Schritt in einem Markt, der seit Jahren auf Effizienz, Geschwindigkeit und Verlässlichkeit drängt.

Wichtig ist jedoch:
KI ersetzt nicht die anspruchsvollen Tätigkeiten.
Komplexe Schadenfälle, schwierige Beratungssituationen, Ausnahmen und Konfliktmanagement bleiben menschlich. Und gerade dort, wo der menschliche Anteil bleibt, wird er wertvoller: weniger Routine, mehr Expertise.

Der Stellenabbau ist also Ausdruck einer Schwerpunktverlagerung – weg vom Routinekontakt, hin zur anspruchsvollen Interaktion.


HP: KI als Werkzeug für Effizienz, nicht als Gegner der Beschäftigten

Auch bei HP geht es nicht darum, Programmierer durch Maschinen zu ersetzen. KI generiert Code, unterstützt Fehleranalyse oder strukturiert Daten – aber sie ersetzt nicht Architekturentscheidungen, Produktdesign, Kreativität oder Qualitätskontrolle.

Das Berufsbild verschiebt sich:

  • weniger manuelle Kleinteile,
  • mehr konzeptionelle Arbeit,
  • mehr Überwachung und Steuerung KI-gestützter Prozesse.

Die Techbranche ist damit ein gutes Beispiel für einen Mechanismus, der auch andere Sektoren erfasst: KI automatisiert Tätigkeiten, aber sie macht Menschen nicht überflüssig – sie verändert, was Menschen tun.


KI als Beschleuniger – nicht als Auslöser

Bedeutsam ist bei beiden Fällen: KI dient nicht als singulärer Schock, sondern als Beschleuniger einer Entwicklung, die ohnehin eingesetzt hat. Digitalisierung, Kostendruck, globale Konkurrenz, veränderte Kundenerwartungen – all das lag bereits auf dem Tisch. KI macht die Prozesse schneller, präziser und skalierbarer.

Der teilweise pessimistische Ton in der öffentlichen Debatte ignoriert oft diese historische Kontinuität. Technologischer Fortschritt hat fast nie komplette Berufsbilder ausgelöscht, sondern Tätigkeiten verschoben. Genau dort stehen wir jetzt: in einer Phase der Re-Komposition der Arbeit.


Arbeitsplätze verschwinden – Rollen entstehen

Die entscheidende Frage ist nicht, ob es weniger Jobs gibt, sondern welche Tätigkeiten verschwinden und welche entstehen.

  • Wegfallen: repetitive, stark standardisierte Prozesse.
  • Bleiben: komplexe, interpretative, empathische, strategische Aufgaben.
  • Entstehen: Rollen rund um Datenqualität, KI-Supervision, Prozesssteuerung, Kundenberatung, digitale Produktentwicklung.

Das ist kein Nullsummenspiel, sondern ein Wandel der Kompetenzprofile. Unternehmen müssen darin investieren – aber Beschäftigte auch.


Die gesellschaftliche Aufgabe: Transformation gestalten

Der Stellenabbau bei Allianz Partners und HP ist real und ernst zu nehmen. Doch er ist nicht das Narrativ eines technologischen Niedergangs, sondern eines industriellen Übergangs. Die offenen Begründungen der Unternehmen („KI übernimmt einfache Tätigkeiten“) sind dabei ein Schritt hin zu mehr Ehrlichkeit. Unternehmen tun hier nichts grundlegend Neues – sie benennen nur klar, was Digitalisierung ohnehin vorbereitet hat.

Die Herausforderung liegt daher nicht in der Technologie, sondern im Management des Übergangs:

  • Weiterqualifizierung, statt bloßer Personalreduktion
  • produktivitätsorientierte Verteilung der Gewinne
  • kluge Regulierung, die Innovation nicht ausbremst
  • neue Rollenbilder, die menschliche Stärken ausspielen

Fazit: KI ist kein Jobkiller – sie verschiebt Arbeit dorthin, wo Menschen besser sind

Die Reise geht nicht in eine Zukunft ohne Arbeit, sondern in eine Arbeitswelt, in der KI Routine übernimmt und Menschen sich stärker auf Wertschöpfung und Interaktion konzentrieren. Genau das zeigen Allianz Partners und HP: Sie reduzieren Aufgaben, nicht Menschen als Prinzip.

Wenn wir diesen Wandel aktiv gestalten – politisch, wirtschaftlich und persönlich –, dann wird KI nicht zur Bedrohung, sondern zum Katalysator einer produktiveren, menschlicheren Arbeitswelt.


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