Als der französische Präsident Emmanuel Macron vor kurzem ein neues Werk des deutschen Familienunternehmens Vorwerk besuchte, ging es auf den ersten Blick um einen Verkaufsschlager: den Thermomix. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Besuch jedoch eine deutlich größere wirtschaftspolitische Botschaft. Der Thermomix wird zum Symbol eines Standortwettbewerbs zwischen Deutschland und Frankreich.

Vorwerk hat 2025 im französischen Donnemain-Saint-Mamès ein neues Werk eröffnet, in dem sämtliche Thermomix-Geräte für den Weltmarkt montiert werden. Das Unternehmen investierte rund 70 Millionen Euro in die Fabrik und kündigte weitere Investitionen in Frankreich an. Die Entscheidung fiel nicht zufällig auf Frankreich. Ein wesentlicher Grund waren nach Angaben des Unternehmens die schnelleren Genehmigungs- und Bauverfahren. Während sich Erweiterungen am Stammsitz in Wuppertal um mehr als ein Jahr verzögerten, konnte das Projekt in Frankreich zügig umgesetzt werden.

Seit Jahren wird in Deutschland über Bürokratieabbau gesprochen. Unternehmen berichten regelmäßig von langwierigen Genehmigungsverfahren, komplizierten Zuständigkeiten und umfangreichen Dokumentationspflichten. Die Folge sind nicht nur Frustration und Kostensteigerungen, sondern zunehmend auch Investitionsentscheidungen zugunsten anderer Standorte.

Frankreich hat dieses Problem erkannt und verfolgt seit Jahren eine aktivere Industriepolitik. Mit Programmen wie „Choose France“ versucht die Regierung gezielt, ausländische Investoren anzulocken. Dabei geht es nicht nur um Fördergelder, sondern vor allem um Geschwindigkeit und Planungssicherheit. Nach Angaben Macrons wurden durch diese Initiative Investitionen von mehr als 87 Milliarden Euro angestoßen.

Besonders bemerkenswert ist, dass es sich bei Vorwerk nicht um einen Technologiekonzern aus dem Silicon Valley handelt, sondern um ein traditionsreiches deutsches Familienunternehmen. Wenn selbst solche Unternehmen öffentlich darauf hinweisen, dass Projekte im Ausland schneller umgesetzt werden können als in Deutschland, sollte dies der Politik zu denken geben.

Gleichzeitig zeigt der Fall Vorwerk, dass industrielle Wertschöpfung heute europäisch organisiert wird. Die Motoren des Thermomix werden in Deutschland entwickelt und produziert, während die Endmontage in Frankreich erfolgt. Macron sprach deshalb von einem Beispiel erfolgreicher deutsch-französischer Zusammenarbeit. Tatsächlich verdeutlicht das Projekt aber auch, dass nationale Standortvorteile innerhalb Europas zunehmend über Investitionen entscheiden.

Die Debatte sollte dabei nicht auf Bürokratie allein reduziert werden. Unternehmen achten ebenso auf Energiekosten, Fachkräfte, Infrastruktur und steuerliche Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt die Geschwindigkeit staatlicher Entscheidungen ein entscheidender Faktor. In einer Wirtschaft, die sich immer schneller verändert, können jahrelange Verfahren zum Wettbewerbsnachteil werden.

Der Thermomix mag auf den ersten Blick nur eine erfolgreiche Küchenmaschine sein. Die Geschichte dahinter erzählt jedoch etwas Grundsätzlicheres: Während Deutschland noch häufig über Reformen diskutiert, setzt Frankreich viele Projekte schlicht um. Genau darin könnte einer der wichtigsten Unterschiede zwischen beiden Standorten liegen.

Quelle: Alexandra Föderl-Schmid, „Ein Thermomix für den Élysée“, Süddeutsche Zeitung, 01.06.2026. Grundlage sind die Angaben von Vorwerk zu Investitionen, Produktionszahlen und den Aussagen des Unternehmens sowie von Präsident Emmanuel Macron beim Werksbesuch.