Volkswagen steckt in einer tiefen Krise. Der Absatz schwächelt, die Konkurrenz aus China wächst, die Transformation zur Elektromobilität verschlingt Milliarden. Gleichzeitig werden Sparprogramme angekündigt, Beschäftigungsgarantien infrage gestellt und sogar Werksschließungen diskutiert. Für viele Mitarbeiter geht es um ihre berufliche Existenz.

Doch während die Belegschaft Verzicht üben soll, fließen weiterhin Milliarden an die Aktionäre.

Zwischen 2021 und 2025 hat Volkswagen insgesamt rund 28 Milliarden Euro an seine Anteilseigner ausgeschüttet. Noch im Juni wurden etwa 2,6 Milliarden Euro überwiesen – obwohl der Gewinn im Geschäftsjahr 2025 um 44 Prozent eingebrochen war. Das ist rechtlich zulässig und möglicherweise auch formal durch frühere Gewinne gedeckt. Wirtschaftspolitisch und unternehmerisch bleibt es dennoch ein äußerst fragwürdiges Signal.

Dividenden sind keine freiwilligen Geschenke an Aktionäre. Sie sind grundsätzlich der Preis für das bereitgestellte Eigenkapital und das damit verbundene Risiko. Auch ein Unternehmen in einer schwierigen Lage kann gute Gründe haben, seine Ausschüttungen nicht vollständig zu streichen. Eine stabile Dividendenpolitik schafft Vertrauen, verhindert extreme Kursschwankungen und sichert den Zugang zum Kapitalmarkt.

Doch bei Volkswagen geht es längst nicht mehr um normale Schwankungen im Konjunkturzyklus. Der Konzern steht vor einem strukturellen Umbau. Software, Batterietechnologie, Elektromobilität, neue Produktionsprozesse und die internationale Wettbewerbsfähigkeit erfordern enorme Investitionen. Jeder ausgeschüttete Euro steht für diese Aufgaben nicht mehr zur Verfügung.

Besonders problematisch ist dabei die Rolle der Großaktionäre. Die Familien Porsche und Piëch kontrollieren Volkswagen über die Porsche Automobil Holding SE und profitieren damit in besonderem Maße von den Ausschüttungen. Ankeraktionäre können einem Konzern Stabilität geben. Sie können langfristiger denken als kurzfristig orientierte Fonds und das Management in schwierigen Zeiten stützen.

Diese Vorteile verkehren sich jedoch ins Gegenteil, wenn die Eigentümer in der Krise vor allem ihre eigenen Zahlungsströme absichern. Wer Beschäftigten Einschnitte abverlangt, muss auch als Eigentümer glaubwürdig zeigen, dass der Erhalt und Umbau des Unternehmens Vorrang vor der Ausschüttung hat. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass Risiken sozialisiert, Erträge aber weiterhin privatisiert werden.

Volkswagen steht damit exemplarisch für ein größeres deutsches Problem. Einflussreiche Eigentümer, Verbände und Interessengruppen verfügen über erhebliche Möglichkeiten, ihre Positionen abzusichern. Die Kosten notwendiger Anpassungen werden dagegen häufig auf Beschäftigte, Standorte oder den Staat verlagert.

Eine deutlich reduzierte Dividende hätte die Probleme des Konzerns nicht gelöst. Sie wäre aber ein wichtiges Zeichen gewesen: Wir haben die Krise verstanden, wir investieren in die Zukunft und wir tragen die Lasten gemeinsam.

Stattdessen entsteht ein anderes Bild. In den Werken wird über Stellenabbau und Einsparungen gesprochen, während in den Eigentümerfamilien die Milliarden weiterfließen.

Quellen

  1. Volkswagen AG: Dividendenübersicht
    Übersicht über die Dividenden je Stamm- und Vorzugsaktie sowie über die Sonderdividende von 19,06 Euro im Zusammenhang mit dem Börsengang der Porsche AG. (Volkswagen Group)
  2. Volkswagen Group, Geschäftsbericht 2023: Kapitalflussrechnung
    Ausweis der an die Aktionäre der Volkswagen AG gezahlten Dividenden: 3,772 Milliarden Euro im Jahr 2022 und 10,897 Milliarden Euro im Jahr 2023. In der Zahlung für 2023 ist die Sonderdividende enthalten. (VW Annual Report 2023)
  3. Volkswagen Group, Geschäftsbericht 2023: Eigenkapital und Dividende
    Angaben zur regulären Ausschüttung von 4,524 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2023 beziehungsweise 9,00 Euro je Stammaktie und 9,06 Euro je Vorzugsaktie. (VW Annual Report 2023)
  4. Volkswagen Group, Geschäftsbericht 2024: Dividende
    Angaben zur Ausschüttung von rund 3,2 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2024 beziehungsweise 6,30 Euro je Stammaktie und 6,36 Euro je Vorzugsaktie. (Volkswagen Group Annual Report 2024)
  5. Volkswagen Group, Geschäftsbericht 2025: Dividende
    Vorgeschlagene und inzwischen beschlossene Ausschüttung von exakt 2.619.107.694,30 Euro: 5,20 Euro je Stammaktie und 5,26 Euro je Vorzugsaktie. (Volkswagen Group Annual Report 2025)
  6. Volkswagen AG: Hauptversammlung vom 18. Juni 2026
    Bestätigung des Dividendenbeschlusses für das Geschäftsjahr 2025. Die Auszahlung war für den 23. Juni 2026 vorgesehen. (Volkswagen Group)
  7. Volkswagen Group, Geschäftsbericht 2025: Gesamtergebnisrechnung
    Der Gewinn nach Steuern sank von 12,394 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 6,904 Milliarden Euro im Jahr 2025. Das entspricht einem Rückgang um 44,3 Prozent. (Volkswagen Group Annual Report 2025)

Quellenhinweis für den Beitrag:

Eigene Berechnungen nach den Geschäftsberichten und Dividendenangaben der Volkswagen AG für die Jahre 2021 bis 2025. Die Summe von rund 28 Milliarden Euro umfasst auch die im Januar 2023 ausgezahlte Sonderdividende im Zusammenhang mit dem Börsengang der Porsche AG. Hinzu kamen im Juni 2026 weitere rund 2,6 Milliarden Euro für das Geschäftsjahr 2025.