Das neue Altersvorsorgedepot: Förderung trifft Kapitalmarkt
Ab 2027 verändert sich die geförderte private Altersvorsorge in Deutschland erheblich. Mit dem neuen Altersvorsorgedepot können Sparer staatliche Förderung mit einer Kapitalmarktanlage verbinden – und dabei auch ohne die bisher typische Beitragsgarantie beispielsweise in breit gestreute ETFs investieren.
Das ist mehr als eine technische Reform der Riester-Rente. Dahinter steht ein anderer Gedanke: Wer über Jahrzehnte für das Alter spart, soll stärker an den langfristigen Ertragschancen des Kapitalmarktes beteiligt werden können. Sicherheit bleibt möglich, ist aber nicht mehr zwingend vorgeschrieben.
Der Staat legt bis zu 540 Euro dazu
Die Förderung ist durchaus beachtlich. Für die ersten 360 Euro eigener Einzahlung gibt der Staat 50 Cent je Euro hinzu. Für weitere Einzahlungen bis zu einem Eigenbeitrag von insgesamt 1.800 Euro gibt es 25 Cent je Euro.
Wer jährlich 1.800 Euro selbst einzahlt, kann damit eine maximale Grundzulage von 540 Euro erhalten. Aus 1.800 Euro Eigenleistung werden zunächst 2.340 Euro Altersvorsorgekapital. Hinzukommen können Kinderzulagen von bis zu 300 Euro je Kind sowie steuerliche Vorteile.
Doch Förderung allein macht noch keine gute Altersvorsorge. Entscheidend sind ebenso Anlagedauer, Rendite, Diversifikation, Inflation und Kosten.
Was daraus langfristig werden könnte
Wie stark sich lange Anlagezeiträume auswirken können, habe ich bereits in meinem Beitrag „Frühe Vermögensbildung und Altersvorsorge“ anhand eines einfachen Beispielportfolios gezeigt. Dort wurde mit einer langfristigen nominalen Rendite von 7 Prozent und einer Inflation von 2 Prozent gerechnet.
Übertragen wir diese Annahmen auf das neue Altersvorsorgedepot.
Ein Sparer zahlt monatlich 150 Euro beziehungsweise jährlich 1.800 Euro ein und erhält – bei entsprechender Förderberechtigung – die maximale Grundzulage von 540 Euro. Damit werden jährlich insgesamt 2.340 Euro investiert.
Bei vereinfachter jährlicher Einzahlung und einer angenommenen Rendite von 7 Prozent ergeben sich ungefähr:
nach 20 Jahren: 96.000 Euro nominal,
nach 30 Jahren: 221.000 Euro nominal,
nach 40 Jahren: 467.000 Euro nominal.
Solche Zahlen wirken zunächst beeindruckend. Für eine seriöse Altersvorsorgebetrachtung reicht der Nominalwert allerdings nicht aus.
Unterstellen wir zusätzlich eine durchschnittliche Inflation von 2 Prozent jährlich, entsprechen 467.000 Euro in 40 Jahren nur noch einer heutigen Kaufkraft von ungefähr 211.000 Euro.
Das ist kein Rechenfehler. Es zeigt vielmehr, wie wichtig die Unterscheidung zwischen nominalem Vermögen und realer Kaufkraft bei langfristigen Finanzplanungen ist.
Und natürlich gilt: Die angenommenen 7 Prozent Rendite sind eine Modellannahme und keine Renditegarantie. Kapitalmärkte schwanken und die tatsächliche Rendite kann deutlich höher oder niedriger ausfallen.
Was die staatliche Förderung bewirken kann
Interessant wird die Rechnung, wenn man die Förderung isoliert betrachtet.
Ohne die jährliche Grundzulage von 540 Euro würden bei ansonsten identischen Annahmen nach 40 Jahren nominal rund 359.000 Euro entstehen.
Mit Förderung sind es rund 467.000 Euro.
Der Unterschied beträgt also etwa 108.000 Euro.
Dabei hätte der Staat über die 40 Jahre lediglich 21.600 Euro Zulagen eingezahlt. Der wesentlich größere Unterschied entsteht dadurch, dass auch die staatlichen Zulagen langfristig investiert bleiben und ihrerseits Erträge erwirtschaften können.
Genau darin liegt ein interessanter Mechanismus des neuen Altersvorsorgedepots:
Nicht nur die eigenen Beiträge, sondern auch die staatliche Förderung kann am Zinseszinseffekt teilnehmen.
Jetzt beginnt der Wettbewerb um die Sparer
Mindestens ebenso interessant wie die Förderung ist die Frage, was die Anbieter aus dem neuen Altersvorsorgedepot machen. Hier zeichnet sich bereits ein erheblicher Preiswettbewerb ab.
Deka plant ein einfaches Standardangebot aus einem weltweit anlegenden Aktien-ETF und einem Rentenbaustein. Die effektiven ETF-Kosten werden mit rund 0,1 Prozent jährlich angegeben; Depotführung und Zulagenverwaltung sollen kostenfrei sein. Daneben ist mit „Deka-VorsorgePlus“ eine aktiv gemanagte Variante vorgesehen, deren Kosten mit etwa 1,0 bis 1,5 Prozent deutlich höher liegen.
Deutsche Bank und DWS haben ebenfalls konkrete Preise angekündigt. Das digitale DWS-Standarddepot soll in den ersten beiden Jahren 0,10 Prozent jährlich kosten, anschließend nach derzeitiger Planung 0,28 Prozent. Daneben ist eine beratungsorientierte Variante für 0,99 Prozent jährlich vorgesehen; mögliche Transaktionskosten können hinzukommen.
Scalable Capital positioniert sich besonders offensiv über den Preis. Konto, Depot, Sparpläne sowie Ein- und Auszahlungen sollen beim Standardangebot nach bisheriger Ankündigung ohne eigene Gebühren angeboten werden. Bei ausgewählten ETFs übernimmt Scalable 2027 zusätzlich die laufenden Fondskosten. Gerade hier gilt allerdings: Eine Einführungsaktion sollte nicht mit dauerhaft niedrigen Gesamtkosten verwechselt werden.
Ähnlich positioniert sich Smartbroker+. Depot, Sparpläne sowie Käufe und Verkäufe sollen ohne eigene Gebühren angeboten werden. Beim Standarddepot sollen unter bestimmten Bedingungen die ETF-Kosten in den ersten drei Jahren erstattet werden. Auch hier sind Laufzeit, Anlagegrenzen und die später geltenden Konditionen entscheidend.
Quirion setzt beim Standarddepot auf eine bewusst einfache Zwei-ETF-Lösung aus einem weltweit diversifizierten Aktien-ETF und einem globalen Anleihe-ETF. Die laufenden Fondskosten der verwendeten Vanguard-ETFs werden derzeit mit 0,07 beziehungsweise 0,08 Prozent angegeben. Auch hier gehören teilweise erstattete Kosten zunächst zur Einführungsstrategie.
ING plant ebenfalls zwei Varianten. Bei „Relax“ sollen zwei ETFs vorausgewählt werden; vor Beginn der Auszahlungsphase wird schrittweise vom Aktien- in den risikoärmeren Anleihe-ETF umgeschichtet. Mit „Aktiv“ soll eine größere Auswahl von ETFs und Fonds zur Verfügung stehen. Die endgültigen Preise sind bislang noch nicht veröffentlicht.
Die Beispiele zeigen bereits, wohin sich der Markt entwickeln könnte. Auf der einen Seite stehen sehr einfache und kostengünstige ETF-Standarddepots, auf der anderen Seite umfangreichere Lösungen mit Beratung, aktivem Management oder größerer Produktauswahl.
Das einfache Portfolio bekommt eine neue Bedeutung
Gerade die Standardangebote zeigen etwas, das bei der privaten Geldanlage gelegentlich vergessen wird: Eine gute langfristige Kapitalanlage muss nicht kompliziert sein.
Ein weltweit diversifizierter Aktien-ETF kann bereits Tausende Unternehmen aus unterschiedlichen Ländern und Branchen enthalten. Je näher der Ruhestand rückt, desto stärker können risikoärmere Anlagen hinzukommen.
Diese Grundidee entspricht auch meinem früher vorgestellten Beispielportfolio zur langfristigen Vermögensbildung: breit streuen, Kosten niedrig halten und dem Faktor Zeit möglichst viel Raum geben.
Das Altersvorsorgedepot verbindet diese bekannte Anlagestrategie nun mit staatlicher Förderung.
Damit könnte sich auch die Wahrnehmung privater Altersvorsorge verändern. Statt eines schwer verständlichen Versicherungsproduktes bekommt der Sparer ein Depot, dessen grundlegende Funktionsweise vergleichsweise einfach nachvollziehbar ist.
Nicht vom Null-Euro-Schild blenden lassen
Der beginnende Preiswettbewerb ist für Verbraucher erfreulich. Er sollte aber nicht dazu führen, Anfang 2027 sofort das erstbeste vermeintliche Null-Euro-Angebot abzuschließen.
Altersvorsorge läuft möglicherweise 20, 30 oder 40 Jahre.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Anbieter im ersten Jahr die ETF-Kosten übernimmt. Entscheidend ist, wie hoch die dauerhaften Gesamtkosten sind.
Schon ein scheinbar kleiner Kostenunterschied von beispielsweise 0,5 Prozentpunkten jährlich kann sich über mehrere Jahrzehnte durch den Zinseszinseffekt erheblich auf das Endvermögen auswirken.
Beim gesetzlichen Standarddepot gibt es immerhin eine wichtige Leitplanke: Die durchschnittliche jährliche Renditeminderung durch Kosten darf höchstens 1 Prozent betragen.
Die bisher angekündigten Angebote lassen allerdings erwarten, dass der Wettbewerb bei einfachen ETF-Lösungen deutlich niedrigere Kosten hervorbringen könnte.
Inflation, Kosten und Steuern nicht vergessen
Bei allen Modellrechnungen müssen einige Einschränkungen beachtet werden.
Erstens ist die angenommene Rendite von 7 Prozent nicht garantiert. Aktienmärkte können über längere Zeiträume deutlich schlechter oder besser laufen. Auch der Zeitpunkt des Renteneintritts spielt eine Rolle.
Zweitens vermindert die Inflation die tatsächliche Kaufkraft. Deshalb sollten langfristige Altersvorsorgerechnungen nicht nur nominale Endvermögen zeigen. Die genannten 467.000 Euro nach 40 Jahren entsprechen bei konstant 2 Prozent Inflation beispielsweise nur noch rund 211.000 Euro in heutiger Kaufkraft.
Drittens entstehen Kosten. Selbst wenige Zehntelprozent jährlich können über Jahrzehnte erhebliche Auswirkungen haben. Ein günstiges Startangebot ist deshalb weniger wichtig als eine dauerhaft niedrige Kostenquote.
Viertens sind die dargestellten Vermögensbeträge keine später frei verfügbaren Nettobeträge.
Das Altersvorsorgedepot folgt grundsätzlich dem Prinzip der nachgelagerten Besteuerung. Während der Ansparphase können Erträge innerhalb des geförderten Altersvorsorgedepots unversteuert wiederangelegt werden. Die Leistungen werden später in der Auszahlungsphase steuerlich berücksichtigt.
Wie viel von einem angesparten Vermögen später tatsächlich netto zur Verfügung steht, hängt deshalb auch von der persönlichen steuerlichen Situation im Ruhestand ab.
Der entscheidende Perspektivwechsel
Das neue Altersvorsorgedepot löst die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung nicht. Es ersetzt auch keine ausreichende gesetzliche Alterssicherung.
Aber es könnte einen wichtigen Perspektivwechsel in der privaten Altersvorsorge einleiten.
Statt komplizierter Produkte mit hohen Kosten und weitreichenden Garantien rücken Kapitalmarkt, Diversifikation, niedrige Kosten und langfristiger Vermögensaufbau stärker in den Mittelpunkt.
Und damit schließt sich der Kreis zu meinem früheren Beispielportfolio.
Langfristige Vermögensbildung lässt sich auf eine erstaunlich einfache Erkenntnis reduzieren:
Zeit, regelmäßiges Sparen, Rendite, Kosten, Inflation und staatliche Förderung wirken gemeinsam.
Das neue Altersvorsorgedepot könnte dafür ein interessantes Instrument werden.
Ob es tatsächlich ein gutes Produkt wird, entscheidet allerdings nicht allein der Gesetzgeber. Entscheidend wird sein, was Banken, Fondsgesellschaften, Versicherer, Neobroker und digitale Vermögensverwalter daraus machen.
Deshalb gilt gerade zum Start 2027:
Erst verstehen, dann vergleichen – und erst danach unterschreiben.
Quellen
Bundesministerium der Finanzen: Fragen und Antworten zur Reform der privaten Altersvorsorge – Förderstruktur, Altersvorsorgedepot, Standarddepot, Kosten und Besteuerung.
https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/FAQ/reform-der-privaten-altersvorsorge.html
Bundesregierung: Reform der privaten Altersvorsorge – gesetzliche Grundlagen und Einführung zum 1. Januar 2027.
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/reform-private-altersvorsorge-2400072
Deka: Informationen zur Altersvorsorgereform und den geplanten Produkten.
https://www.deka.de/privatkunden/aktuelles-themen/informationen/altersvorsorge-reform
Deutsche Bank/DWS: Deutsche Bank startet mit breitem Vorsorgeangebot zum Altersvorsorgedepot, 28. September 2026.
Scalable Capital: Das neue Altersvorsorgedepot – Produkt- und Kosteninformationen.
https://de.scalable.capital/altersvorsorgedepot
SMARTBROKER+: Altersvorsorgedepot – angekündigtes Standard- und Individualangebot.
https://www.smartbrokerplus.de/de-de/altersvorsorgedepot
quirion: Altersvorsorgedepot – Standarddepot und Kosteninformationen.
https://www.quirion.de/vorsorgen
ING: Altersvorsorge-Depot – Informationen zu „Relax“ und „Aktiv“.
https://www.ing.de/sparen-anlegen/altersvorsorge-depot
Stiftung Warentest: Altersvorsorgedepot – Preiskampf der Anbieter – unabhängiger Überblick über die angekündigten Angebote.
https://www.test.de/Altersvorsorgedepot-Preiskampf-der-Anbieter-Deka-ING-Smartbroker-6335719-0
MeisCon: Frühe Vermögensbildung und Altersvorsorge, 29. Juni 2026 – Ausgangsmodell für langfristigen Vermögensaufbau, Rendite und Inflation.
Hinweis zur Modellrechnung: Die Berechnungen unterstellen vereinfachend eine jährliche Einzahlung von 2.340 Euro, eine konstante nominale Rendite von 7 Prozent und eine Inflation von 2 Prozent. Die 7 Prozent stellen keine Renditeprognose oder -garantie dar. Tatsächliche Kapitalmarktrenditen und Inflationsraten schwanken. Die dargestellten Nominalwerte berücksichtigen individuelle Produktkosten und die spätere persönliche Besteuerung nicht.
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