Aktienmärkte im Rausch trotz Megakrisen
Wer derzeit auf die Finanzmärkte blickt, erlebt ein bemerkenswertes Schauspiel. Die Europäische Zentralbank warnt vor steigender Inflation, höheren Zinsen, geopolitischen Risiken und einer möglichen Belastung der Staatsfinanzen. Gleichzeitig erreichen viele Aktienmärkte neue Höchststände. Der DAX notiert über 25.000 Punkten, Technologieaktien steigen weiter und die Euphorie rund um Künstliche Intelligenz scheint kaum Grenzen zu kennen.
Aus Sicht der klassischen Finanztheorie ist diese Entwicklung schwer zu erklären. Höhere Zinsen bedeuten höhere Finanzierungskosten. Höhere Finanzierungskosten bremsen Investitionen und höhere Zinsen drücken tendenziell auf Unternehmensbewertungen. Die Aktienmärkte hingegen wirken erstaunlich gelassen.
Diese Forschungsrichtung beschäftigt sich mit der Frage, warum Menschen an Finanzmärkten häufig nicht rational handeln. Anleger sind eben keine emotionslosen Rechner. Sie unterliegen psychologischen Verzerrungen, Hoffnungen, Ängsten und sozialen Einflüssen.
Hier kommt die Behavioral Finance ins Spiel.
Ein klassisches Beispiel ist der sogenannte Optimismus-Bias. Menschen neigen dazu, positive Entwicklungen zu überschätzen und negative Risiken auszublenden. Genau das könnte derzeit an den Märkten zu beobachten sein.
Die Risiken liegen eigentlich offen auf dem Tisch:
- steigende Energiepreise,
- geopolitische Konflikte,
- zunehmende Staatsverschuldung,
- mögliche Zinserhöhungen,
- schwaches Wirtschaftswachstum.
Trotzdem konzentriert sich die Aufmerksamkeit vieler Investoren auf die Chancen der Künstlichen Intelligenz. KI soll Produktivitätssprünge auslösen, neue Geschäftsmodelle schaffen und ganze Branchen verändern. Das ist keineswegs unrealistisch. Die Frage lautet jedoch, ob diese Hoffnungen kurzfristig bereits alle anderen Risiken überkompensieren können.
Behavioral Finance kennt dafür einen weiteren Begriff: Confirmation Bias.
Anleger suchen bevorzugt Informationen, die ihre bestehende Meinung bestätigen. Wer von KI überzeugt ist, liest die Erfolgsgeschichten von Nvidia, Microsoft oder OpenAI. Warnungen der EZB oder Hinweise auf steigende Inflationsrisiken werden dagegen leichter ausgeblendet.
Hinzu kommt das bekannte FOMO-Phänomen – Fear of Missing Out.
Viele Anleger erinnern sich an die Kursgewinne der vergangenen Jahre. Wer nicht investiert war, hat Renditen verpasst. Die Angst, auch die nächste große Welle zu verpassen, erzeugt zusätzlichen Kaufdruck. Irgendwann kaufen Investoren nicht mehr, weil sie von den Fundamentaldaten überzeugt sind, sondern weil sie glauben, andere Investoren würden weiter kaufen.
Genau an diesem Punkt wird es gefährlich.
Denn Märkte funktionieren häufig wie soziale Systeme. Wenn alle optimistisch sind, verstärken sie sich gegenseitig. Steigende Kurse werden dann selbst zum Argument für weiter steigende Kurse.
Die Geschichte liefert zahlreiche Beispiele.
Während der Dotcom-Blase Ende der 1990er Jahre glaubten viele Anleger, das Internet werde alle bisherigen Bewertungsmaßstäbe außer Kraft setzen. Die Grundidee war sogar richtig: Das Internet hat tatsächlich die Welt verändert. Dennoch verloren zahlreiche Technologieaktien nach dem Platzen der Blase 80 oder 90 Prozent ihres Wertes.
Die Technologie war real.
Die Übertreibung ebenfalls.
Genau deshalb ist die aktuelle Situation so spannend.
Vielleicht haben die Börsen recht.
Vielleicht wird KI tatsächlich einen Produktivitätsschub auslösen, der steigende Energiepreise, höhere Zinsen und geopolitische Belastungen teilweise kompensieren kann.
Vielleicht haben aber auch die Notenbanken recht.
Dann unterschätzen die Märkte derzeit die Risiken erheblich.
KI ist wahrscheinlich tatsächlich eine der bedeutendsten Technologien unserer Zeit. Gleichzeitig verschwinden dadurch weder Inflation noch Staatsverschuldung oder geopolitische Konflikte.
Behavioral Finance zeigt, dass Menschen besonders in Phasen großer technologischer Umbrüche zu Übertreibungen neigen. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist ein starker emotionaler Antrieb. Hoffnung ist dabei nicht automatisch irrational. Ohne Hoffnung gäbe es keine Innovation, keine Investitionen und keinen Fortschritt.
Problematisch wird es erst, wenn Hoffnung zur Verdrängung wird.
Genau darauf scheint die EZB hinzuweisen. Die Notenbank sagt nicht, dass KI überschätzt wird. Sie sagt vielmehr, dass andere Risiken möglicherweise unterschätzt werden.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Die Musik spielt noch. Die Stimmung ist gut. Viele Teilnehmer genießen den Augenblick. Aber tief unter der Oberfläche bauen sich Kräfte auf, die jederzeit sichtbar werden können.
Für Anleger bedeutet das nicht zwangsläufig, den Markt zu verlassen. Es bedeutet jedoch, sich der eigenen psychologischen Verzerrungen bewusst zu werden. Gerade dann, wenn alle optimistisch sind, lohnt es sich, die Gegenargumente besonders sorgfältig zu prüfen.
Denn die größten Risiken entstehen selten dort, wo alle hinschauen.
Sie entstehen meist dort, wo niemand mehr hinschauen möchte.
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