Es gehört inzwischen zu den meistzitierten Geschichten der politischen Ökonomie: Die Reichen werden reicher. Hinter dieser Feststellung steht keine bloße moralische Empörung, sondern eine strukturelle Beobachtung moderner Gesellschaften.

Vermögen akkumuliert sich – und es akkumuliert sich schneller als Einkommen. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat diese Dynamik mit seiner berühmten Formel r > g zugespitzt: Wenn die durchschnittliche Rendite auf Kapital (r) dauerhaft höher ist als das Wirtschaftswachstum (g), wächst Vermögen schneller als die Gesamtwirtschaft. Wer Kapital besitzt, entfernt sich relativ von jenen, die nur über Arbeitseinkommen verfügen. In Zeiten KI und Roboterisierung etc. wird dieser Aspekt noch eine viel größere Rolle spielen. Es ist schon bemerkenswert, wie zurückhaltend diese Entwicklung in der öffentlichen Diskussion adressiert wird.

Die Renditelogik ist nüchtern und für viele sogar unannehmbar.  Kapital generiert Rendite; Rendite wird reinvestiert; der Zinseszinseffekt entfaltet seine stille, aber mächtige Wirkung. Solange r > g gilt, verstärkt sich die Vermögenskonzentration beinahe automatisch. Die Ungleichheit ist dann kein politischer Diskussionspunkt, sondern ein systemischer Trend. Man kann natürlich einwenden, dass diese Formel eine starke Vereinfachung darstellt – dies ist richtig, ändert aber nichts an der Diagnose.

Der Philosoph John Rawls hielt Ungleichheit nicht per se für problematisch. Sie ist dann legitim, wenn sie funktional wirkt – wenn sie den am wenigsten Begünstigten zugutekommt. Das sogenannte Differenzprinzip erlaubt Einkommens- und Vermögensunterschiede, sofern sie Anreize schaffen, die das Gesamtniveau heben und die Lage der Schwächsten verbessern. Unternehmerische Gewinne, Kapitalrenditen, hohe Managergehälter – all das kann gerechtfertigt sein, wenn es Innovation, Beschäftigung und Wohlstand für viele erzeugt. In dieser Perspektive ist Ungleichheit ein Instrument, kein Selbstzweck. Aktuell stellt sich aber die Frage, ob diese funktionalen Gründe wirklich ausreichend sind – ob nicht eher Erbschaften und Zufallsgewinne die Szene prägen.

Hinzu kommt: jenseits einer bestimmten Schwelle verändert sich die Qualität von Reichtum. Ökonomisch wäre der abnehmende Grenznutzens ab einer bestimmten Vermögenshöhe beachtenswert: 100.000 Euro mehr im Jahr verändern das Leben eines Durchschnittsverdieners fundamental. 10 Millionen mehr verändern das Leben eines Milliardärs kaum. Was wächst stattdessen? Macht.

Ab einem sehr hohen Vermögensniveau dient Reichtum nicht mehr primär der Lebensführung, sondern der Einflussnahme: auf Märkte, auf Politik, auf Diskurse. Kapital ermöglicht Beteiligungen, Medienbesitz, Lobbyarbeit, die Gestaltung regulatorischer Rahmenbedingungen: das aktuelle Beispiel USA spricht da Bände (Elon Musk).

Hier verschiebt sich die moralische Bewertung. Ungleichheit ist dann nicht nur ein ökonomisches Gefälle, sondern eine institutionelle Asymmetrie. Dies stärkt populistische Bestrebungen und gefährdet die Demokratie – wie es sich auf der Welt heute überall zeigt.

Gleichzeitig tun sich Gesellschaften schwer mit radikaler Umverteilung. Die Wohlhabenden empfinden ihr Vermögen als Ergebnis von Risiko, Leistung oder unternehmerischer Kreativität. Selbst wenn zusätzlicher Reichtum keinen realen Konsumnutzen mehr stiftet, bleibt er symbolisch bedeutsam: als Sicherheitsreserve, als Status, als Ausdruck von Autonomie.

Hier spielt auch die Verlustaversion mit hinein: sie bezeichnet ein zentrales Konzept der Verhaltensökonomie. Es beschreibt die empirisch gut belegte Beobachtung, dass Menschen Verluste stärker gewichten als gleich hohe Gewinne. Der subjektive Schmerz über einen Verlust von 1.000 Euro ist psychologisch deutlich größer als die Freude über einen Gewinn in derselben Höhe. Im Kontext der Vermögensdebatte erklärt Verlustaversion, warum selbst sehr wohlhabende Personen auf Umverteilungsmaßnahmen emotional reagieren, obwohl ihr realer Lebensstandard dadurch kaum beeinflusst würde. Das Konzept wurde von Daniel Kahneman und Amos Tversky im Rahmen der sogenannten Prospect Theory entwickelt (1979) und gilt heute als grundlegende Erkenntnis für Finanzentscheidungen, politische Ökonomie und Vermögensverhalten.

Zwischen moralischer Intuition und ökonomischer Logik entsteht ein Spannungsfeld, das politische Systeme nur schwer auflösen. In dieses Spannungsfeld trat in den vergangenen 17 Jahren eine neue Idee: Kryptowährungen und dezentrale Finanzsysteme. Die Vision hinter Bitcoin war die Demokratisierung des Geldes. Offener Zugang, keine privilegierten Intermediäre, keine zentrale Instanz. Ethereum erweiterte dies um programmierbares Kapital – Smart Contracts als Infrastruktur für offene Finanzmärkte.

Das Versprechen klingt nach Rawls: Jeder mit Internetzugang kann teilnehmen. Kapitalmärkte werden global zugänglich. Tokenisierung könnte Eigentum fragmentieren und breiter verteilen. In Schwellenländern bieten Stablecoins Schutz vor Inflation und Zugang zu internationalen Zahlungsströmen. DeFi-Protokolle ermöglichen Renditen ohne klassische Bankstruktur.

Doch auch hier wirkt Pikettys Logik. Frühe Teilnehmer und kapitalkräftige Investoren akkumulieren überproportional. Token-Verteilungen sind häufig konzentriert; „Wale“ dominieren Märkte. Innovation erzeugt neue Chancen – aber nicht automatisch neue Gleichheit. In manchen Fällen beschleunigt sie die Vermögensdynamik sogar.

Dennoch bleibt ein Unterschied: Der Zugang ist formell offener als im traditionellen Venture-Capital-System oder bei Börsen. Eintrittsbarrieren sind niedriger. Kapitalmarktbeteiligung ist technisch einfacher. Das Potenzial liegt weniger in der automatischen Umverteilung als in der strukturellen Öffnung. An dieser Stelle wird die Bedeutung von Finanzbildung und KI sichtbar, die es dem Kleinanleger ermöglicht, seine Mittel sinnvoll anzulegen und auch von Gewinnchancen zu profitieren.

Hier liegt hier der konstruktivere Ansatz. Nicht radikale Nivellierung von Vermögen, sondern breitere Teilhabe an Kapital. Mitarbeiterbeteiligungen, Aktienkultur, tokenisierte Realwerte, digitale Eigentumsmodelle. Wenn Kapitalrenditen breiter gestreut werden, verliert r > g seine exklusiv konzentrierende Wirkung. Die Formel bliebe bestehen – aber sie träfe mehr Menschen.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht: „Wie verhindern wir Reichtum?“ Sondern: „Wie gestalten wir Institutionen so, dass Kapitalakkumulation produktiv bleibt und Machtkonzentration begrenzt wird?“

Ungleichheit ist in marktwirtschaftlichen Systemen unvermeidlich. Sie kann Innovationsmotor sein. Sie kann aber auch demokratische Strukturen unterminieren, wenn sie sich verselbstständigt. Ab einem bestimmten Punkt erzeugt zusätzlicher Reichtum keinen höheren Lebensnutzen mehr – wohl aber größere strukturelle Hebelwirkung.

Ob Kryptowährungen Teil einer Lösung sein können, hängt nicht an der Technologie allein, sondern an der institutionellen Einbettung. Ohne Regeln reproduziert auch das dezentrale System Machtkonzentration. Mit kluger Gestaltung könnte es Eigentum verbreitern.

Vielleicht entscheidet sich die Zukunft der Vermögensverteilung weniger an moralischen Appellen als an der Architektur unserer Kapitalmärkte. Zwischen r > g und digitaler Innovation liegt ein Möglichkeitsraum – kein Automatismus, sondern ein Gestaltungsauftrag.

Quellen (Auswahl)

Piketty und Vermögensdynamik

  • Piketty, Thomas (2014): Capital in the Twenty-First Century. Harvard University Press.
    → Grundlegung der Formel r > g und historische Analyse der Vermögenskonzentration.

Gerechtigkeitstheorie

  • John Rawls (1971): A Theory of Justice. Harvard University Press.
    → Differenzprinzip und Legitimation von Ungleichheit.
  • Robert Nozick (1974): Anarchy, State, and Utopia. Basic Books.
    → Libertäre Eigentumstheorie als Gegenposition.

Ungleichheit, Macht und Demokratie

  • Joseph Stiglitz (2012): The Price of Inequality. W.W. Norton.
    → Zusammenhang zwischen Vermögenskonzentration, politischem Einfluss und ökonomischer Verzerrung.
  • Milanovic, Branko (2016): Global Inequality. Harvard University Press.
    → Strukturveränderungen globaler Ungleichheit.
  • UBS (ehemals Credit Suisse): Global Wealth Report 2023.
    https://www.ubs.com/global/en/family-office-uhnw/reports/global-wealth-report.html
    → Vermögensverteilung nach Regionen und Dezilen.
  • World Inequality Lab (2022): World Inequality Report 2022.
    https://wir2022.wid.world
  • World Inequality Database (laufend aktualisiert, Stand 2024/2025):
    https://wid.world

Grenznutzen und Verhaltensökonomie

  • Kahneman, Daniel (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.
    → Verlustaversion und Entscheidungsasymmetrien.
  • Kahneman, Daniel; Tversky, Amos (1979):
    Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk.
    Econometrica, Vol. 47, No. 2, S. 263–291.
    DOI: https://doi.org/10.2307/1914185

Krypto, Vermögensverteilung und Marktstruktur