Das amerikanische Zolldrama geht in die nächste Runde. Nachdem der Supreme Court of the United States die bisherige Notstandsbegründung für unzulässig erklärt hatte, reagiert Donald Trump mit einem pauschalen Importzoll von 15 Prozent – gestützt auf den Trade Act of 1974, konkret auf dessen Section 122.

Dieses Instrument erlaubt einen solchen Zoll für maximal 150 Tage. Juristisch ist das sauberer als die zuvor bemühte Notstandsargumentation. Ökonomisch jedoch entsteht eine Phase erhöhter Unsicherheit – mit potenziellen Inflationsfolgen für die USA selbst.

150 Tage – politisches Druckmittel mit Ablaufdatum

Section 122 ist als temporäre Maßnahme konzipiert. Nach 150 Tagen endet der Zoll automatisch, sofern er nicht durch andere rechtliche Grundlagen ersetzt wird.

Damit ist klar: Diese Maßnahme ist kein dauerhaftes Handelsregime, sondern ein politisches Druckinstrument.

Doch genau diese Befristung erzeugt ökonomische Unklarheit. Unternehmen müssen entscheiden, ob sie:

  • Preise erhöhen,
  • Margen reduzieren,
  • Lieferketten anpassen,
  • oder Investitionen verschieben.

Investitionen lassen sich nicht im Fünf-Monats-Rhythmus planen. Die entscheidende Frage lautet daher: Was geschieht am Tag 151?

Inflation in den USA – der unterschätzte Kanal

Ein pauschaler 15-Prozent-Zoll wirkt ökonomisch wie eine zusätzliche Importsteuer.

Die USA importieren in erheblichem Umfang Konsumgüter, Elektronik, Vorprodukte und Industriekomponenten. Steigen diese Preise, haben Unternehmen nur begrenzte Optionen: Sie geben die Kosten weiter oder tragen sie selbst.

Empirische Untersuchungen zu den Zollrunden 2018/19 zeigen, dass die Kosten weitgehend bei US-Importeuren und Konsumenten landeten – nicht bei ausländischen Exporteuren.¹

Das bedeutet: Zölle sind keine Belastung „für das Ausland“, sondern für die eigene Volkswirtschaft.

Die aktuelle Inflationsrate in den USA liegt zwar unter den Spitzenwerten von 2022, bewegt sich aber weiterhin oberhalb des langfristigen Zielwerts von 2 Prozent der Federal Reserve.

Neue, breit angelegte Zölle könnten:

  • den Disinflationsprozess abbremsen,
  • Zinssenkungen verzögern,
  • Inflationserwartungen destabilisieren.

Damit gerät Handelspolitik in direkten Zielkonflikt mit der Geldpolitik.

Kapitalmärkte zwischen Politik und Notenbank

Sollte sich Inflationsdruck verstärken, müsste die Fed vorsichtiger agieren. Höhere oder länger hohe Zinsen verteuern Unternehmensfinanzierungen, dämpfen Immobilienmärkte und bremsen Investitionen.

Kapitalmärkte reagieren empfindlich auf strukturelle Unsicherheit. Temporäre Maßnahmen mit unklarer Anschlussregelung erhöhen Risikoaufschläge – nicht nur wegen der Zölle selbst, sondern wegen der politischen Volatilität.

Europa im Wartemodus

Für Europa bedeutet das doppelte Unsicherheit: direkte Belastung durch mögliche Zölle und indirekte Effekte über US-Wachstum und US-Zinsniveau.

Exportorientierte Branchen müssen sich auf schwankende Margen einstellen. Strategische Diversifizierung wird damit vom politischen Schlagwort zur betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit.

Fazit

Section 122 schafft juristische Klarheit – aber ökonomische Schwebe.

Die 150 Tage sind weniger eine Frist als ein Verhandlungsinstrument mit Ablaufdatum. Ob es danach zu Deeskalation oder zur nächsten Eskalationsstufe kommt, ist offen. Sicher ist nur: Die Unsicherheit steigt erneut.

Und in einer ohnehin fragilen Weltwirtschaft wirkt Unsicherheit oft stärker als jeder einzelne Zollsatz.


Fußnote

¹ Vgl. Amiti, Mary; Redding, Stephen J.; Weinstein, David E. (2019): The Impact of the 2018 Tariffs on Prices and Welfare, NBER Working Paper 25672; Fajgelbaum, Pablo D. et al. (2020): The Return to Protectionism, Quarterly Journal of Economics; Cavallo, Alberto et al. (2019): Tariff Passthrough at the Border and at the Store, NBER Working Paper 26396.


Kurze Quellenliste

  • Amiti, Redding, Weinstein (2019): The Impact of the 2018 Tariffs on Prices and Welfare. NBER Working Paper 25672.
  • Fajgelbaum et al. (2020): The Return to Protectionism. Quarterly Journal of Economics.
  • Cavallo et al. (2019): Tariff Passthrough at the Border and at the Store. NBER Working Paper 26396.
  • Federal Reserve: Monetary Policy Framework and 2%-Inflationsziel.