Unser Gehirn ist ein Meister der Gegenwart, aber ein Versager in der Zukunftsvorsorge. Heute lockt der Muffin, morgen die spontane Flugreise – trotz bestem Wissen um die Zerstörung von Gesundheit und Planeten. Neurowissenschaftlerin Maren Urner, Professorin für Nachhaltige Transformation an der Fachhochschule Münster, analysiert in ihrem Gastkommentar „Ernährung, Klimawandel und Gehirn: Warum wir kurzfristige Genüsse wählen“, warum das so ist. Sie verbindet neurowissenschaftliche Fakten mit politischen Handlungsempfehlungen und zeigt, wie wir das Belohnungssystem hacken können.​

Die evolutionäre Falle des Belohnungssystems

Unser Gehirn stammt aus Zeiten, in denen schnelle Kalorien oder Flucht die Überlebenschancen steigerten. Das limbische System, insbesondere der Nucleus accumbens, überschwemmt uns bei unmittelbaren Reizen mit Dopamin – dem Neurotransmitter purer Freude. Zucker aus dem Muffin, Adrenalin vom Flug: Diese Signale feuern sofort. Zukünftige Vorteile wie ein stabiler Klimabudget oder ein fitter Körper? Die werden durch Diskontierung abgewertet. Je ferner, desto weniger wertvoll fühlen sie sich an. Urner fasst es prägnant zusammen: „Die Gegenwart wiegt im Kopf immer mehr als die Zukunft.“​

Das erklärt Alltagsdilemmata. Warum der fette Burger statt Salat, obwohl wir die Konsequenzen kennen? Das präfrontale Cortex, zuständig für Langzeitplanung, verliert gegen instinktgetriebene Impulse. Ähnlich beim Klima: Ein Wochenendtrip per Jet verspricht Sofortspaß, CO₂-Einsparungen wirken abstrakt und fern. Studien wie die Marshmallow-Experimente belegen: Wer Belohnungen aufschieben kann, lebt gesünder und erfolgreicher – doch die meisten scheitern, weil Evolution Kurzfristigkeit belohnt.sueddeutsche

  1. https://www.sueddeutsche.de/meinung/gehirn-entscheidungen-zukunft-ernaehrung-klima-planet-kommentar-li.3358303