Hohe Strompreise: Steckt ein Regulierungsversagen bei den Stromnetzen dahinter?
Die Diskussion über hohe Strompreise konzentriert sich häufig auf Energiekonzerne, Steuern oder die Energiewende. Weniger Aufmerksamkeit erhält ein Bereich, der für jeden Stromkunden von großer Bedeutung ist: die Netzentgelte. Eine aktuelle Analyse des Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE), über die die Süddeutsche Zeitung berichtet, wirft die Frage auf, ob die Regulierung der Stromnetze in Deutschland ausreichend wirksam ist.
Besonders auffällig sind die Renditezahlen einiger großer Verteilnetzbetreiber. Nach Angaben der Studie erzielten mehrere Unternehmen 2024 Eigenkapitalrenditen, die deutlich über den von der Regulierung vorgesehenen Renditen lagen. Die Kölner Rheinnetz kam demnach auf knapp 100 Prozent, EWE Netz auf 61 Prozent und Westnetz auf über 45 Prozent.
Allerdings ist Vorsicht bei der Interpretation geboten. Die Netzbetreiber weisen darauf hin, dass sich diese Renditen auf handelsrechtliche Buchwerte beziehen. Viele Netzanlagen seien bereits weitgehend abgeschrieben, sodass die Renditen rechnerisch besonders hoch erscheinen. Dennoch zeigen die Zahlen, dass die tatsächliche Profitabilität einzelner Netzbetreiber deutlich über dem liegt, was Verbraucher bei einem streng regulierten Monopolmarkt erwarten würden.
Warum ist das relevant? Die Stromnetze sind ein klassisches natürliches Monopol. Es wäre volkswirtschaftlich unsinnig, mehrere konkurrierende Stromleitungen durch dieselbe Straße zu verlegen. Deshalb gibt es keinen Wettbewerb zwischen den Netzbetreibern. Wer ein Verteilnetz besitzt, hat in seinem Gebiet faktisch keine Konkurrenz.
Gerade deshalb übernimmt der Staat eine wichtige Rolle. Die Bundesnetzagentur soll sicherstellen, dass die Betreiber ausreichend investieren können, Verbraucher aber gleichzeitig vor überhöhten Entgelten geschützt werden. Die zulässigen Renditen für Investitionen liegen dabei grundsätzlich deutlich niedriger als die in der BNE-Studie ausgewiesenen Werte.
Die Bedeutung der Netzentgelte für die Stromrechnung ist erheblich. Nach Angaben der Bundesnetzagentur entfallen rund 27 Prozent des Strompreises eines Haushaltskunden auf Netzentgelte. Damit stellen sie nach Beschaffungskosten und Vertrieb den zweitgrößten Kostenblock dar. Bereits kleine Veränderungen in diesem Bereich wirken sich daher unmittelbar auf die Stromrechnung von Millionen Haushalten und Unternehmen aus.
Kritiker sehen die Ursache in Schwächen des bestehenden Regulierungssystems. Die Anreizregulierung arbeitet mit mehrjährigen Zyklen und orientiert sich an historischen Kosten. Dadurch können Anreize entstehen, Kostenstrukturen so zu gestalten, dass später überdurchschnittliche Gewinne erzielt werden. Der BNE spricht von möglichen Defiziten bei der Kostenprüfung durch die Regulierungsbehörden.
Besonders bemerkenswert erscheint dabei ein offensichtliches Paradoxon. Deutschland diskutiert seit Jahren über den schleppenden Netzausbau. Gleichzeitig berichten Branchenvertreter von langen Wartelisten für Batteriespeicher, erneuerbare Energieanlagen, Industrieprojekte und Rechenzentren, die auf einen Netzanschluss warten. Wenn Netze der Engpass der Energiewende sind, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum hohe Gewinne nicht schneller in den Ausbau der Infrastruktur münden.
Die Branche weist diesen Vorwurf zurück. Vertreter der Netzbetreiber und des Verbands kommunaler Unternehmen betonen, dass die Berechnungsmethoden der Studie die wirtschaftliche Realität verzerrt darstellen könnten. Zudem seien in den kommenden Jahren enorme Investitionen erforderlich, um die Stromnetze für Elektromobilität, Wärmepumpen, Batteriespeicher und den Ausbau erneuerbarer Energien fit zu machen.
Trotzdem bleibt eine ordnungspolitische Grundfrage bestehen. Natürliche Monopole funktionieren nur dann im Interesse der Allgemeinheit, wenn die Regulierung wirksam ist. Fehlt Wettbewerb, muss die Aufsicht dafür sorgen, dass Effizienzgewinne bei den Verbrauchern ankommen und nicht überwiegend in Unternehmensgewinnen landen. Andernfalls entstehen Fehlanreize, die weder dem Netzausbau noch der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland dienen.
Die Diskussion über hohe Strompreise ist daher nicht nur eine Debatte über Energiepolitik. Sie ist auch eine Debatte über die Qualität staatlicher Regulierung. Die aktuellen Zahlen beweisen zwar noch kein eindeutiges Regulierungsversagen. Sie liefern jedoch genügend Anlass, die bestehenden Regeln kritisch zu überprüfen. Denn am Ende zahlen Haushalte und Unternehmen jede Ineffizienz über ihre Stromrechnung mit.
Quellen
- Michael Bauchmüller: „Stromnetze: Zu viel verdient?“, Süddeutsche Zeitung, 15.06.2026.
- Bundesnetzagentur: Monitoringbericht 2024, Zusammensetzung der Strompreise und Netzentgelte.
- Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE): Analyse der Renditen deutscher Verteilnetzbetreiber 2026.
Mit Hilfe von KI erstellt.
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