Warum die Börsen den Iran-Krieg unterschätzen könnten

Der Ölmarkt erlebt derzeit extreme Turbulenzen. Innerhalb weniger Stunden sprang der Ölpreis zunächst auf fast 120 Dollar pro Barrel und fiel anschließend wieder deutlich zurück. Solche Schwankungen sind selbst im historischen Vergleich außergewöhnlich. Auslöser war die militärische Eskalation zwischen den USA und Iran sowie die Blockade der Straße von Hormus – einer der wichtigsten Energie-Transportwege der Welt, durch den etwa ein Fünftel des globalen Ölhandels fließt.

Umso erstaunlicher ist die Reaktion der Aktienmärkte. Trotz der massiven Verwerfungen auf den Energiemärkten bleiben die Börsen bislang relativ ruhig. Der Dax verlor zeitweise nur wenige Prozent und liegt aktuell rund sieben Prozent unter dem Niveau vor Beginn des Konflikts. Das ist eher eine normale Korrektur nach einem starken Börsenanstieg als ein Zeichen ernsthafter Panik. Gleichzeitig sind jedoch Öl- und Gaspreise deutlich gestiegen – eine Entwicklung, die normalerweise viel stärkere Marktreaktionen auslösen würde.

Die Gelassenheit der Investoren beruht offenbar auf einer zentralen Annahme: Der Konflikt werde nicht lange dauern. Viele Marktteilnehmer setzen darauf, dass die politischen Akteure – insbesondere die USA – kein Interesse an einer langwierigen Eskalation haben. Hohe Benzinpreise würden die Inflation anheizen und könnten innenpolitisch problematisch werden, insbesondere mit Blick auf anstehende Wahlen. Auch Europa und Asien drängen auf eine schnelle Stabilisierung, weil ihre Volkswirtschaften stark von Energieimporten abhängig sind.

Doch genau hier liegt das Risiko. Die Finanzmärkte haben sich in den vergangenen Jahren an geopolitische Krisen gewöhnt, die sich häufig schneller entschärften als zunächst befürchtet. Diese Erfahrung führt heute zu einer gewissen Routine im Umgang mit politischen Schocks. Viele Anleger bleiben investiert oder reagieren nur kurzfristig auf Marktschwankungen. Zudem hat sich die Struktur der Kapitalmärkte verändert: Ein großer Teil des Geldes ist in passiven Anlageformen wie ETFs gebunden. Diese reagieren weniger hektisch auf geopolitische Nachrichten als früher aktive Fondsmanager.

Die aktuelle Situation könnte sich jedoch als trügerisch erweisen. Der Konflikt im Persischen Golf betrifft eine der empfindlichsten Stellen des globalen Energiesystems. Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben oder der Transport durch Minen oder militärische Angriffe gestört werden, könnten sich die Auswirkungen erheblich verstärken. Selbst nach einem Waffenstillstand würde es Zeit benötigen, die Lieferketten wieder vollständig zu stabilisieren.

Bleibt der Ölpreis über längere Zeit hoch, drohen neue Inflationsimpulse. Damit würden auch zentrale Annahmen der Finanzmärkte ins Wanken geraten. Die derzeit erwarteten Zinssenkungen in den USA könnten ausbleiben, und auch in Europa müssten Zentralbanken möglicherweise restriktiver reagieren als geplant. Steigende Renditen am Anleihemarkt würden wiederum Druck auf die Aktienmärkte ausüben.

Für Anleger bedeutet das eine klassische Situation strategischer Unsicherheit. Wenn der Konflikt tatsächlich schnell endet, dürften sich die Märkte rasch stabilisieren. Sollte er jedoch länger dauern, könnten sich die bislang relativ stabilen Börsenkurse als Ausdruck einer gefährlichen Selbstberuhigung erweisen.

Die Geschichte der Finanzmärkte zeigt immer wieder: Geopolitische Risiken werden oft erst dann vollständig eingepreist, wenn sie sich dauerhaft in wirtschaftlichen Daten niederschlagen. Genau diese Phase könnte noch bevorstehen.