Die militärische Eskalation im Nahen Osten lenkt den Blick der Weltwirtschaft erneut auf einen der sensibelsten Punkte des globalen Energiesystems: die Straße von Hormus. Die schmale Meerenge zwischen Iran, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist eine zentrale Verkehrsader des weltweiten Energiehandels. Rund ein Fünftel des global auf dem Seeweg transportierten Rohöls sowie große Mengen Flüssigerdgas passieren diese Passage.

Schon eine teilweise Störung dieses Nadelöhrs genügt, um die Energiemärkte nervös zu machen. Genau das scheint sich derzeit abzuzeichnen. Tanker warten vor der Meerenge, Versicherungen erhöhen ihre Kriegsrisikoprämien oder ziehen sich ganz zurück, und Reedereien prüfen alternative Routen – die es in diesem Fall kaum gibt. Selbst wenn die Passage nicht vollständig blockiert ist, führen militärische Zwischenfälle und politische Unsicherheit zu Risikoaufschlägen im Ölpreis.

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant, weil sie ein Thema wieder auf die Tagesordnung setzt, das nach dem Abklingen der Energiekrise etwas in den Hintergrund getreten war: die Inflation.

Steigende Energiepreise wirken in modernen Volkswirtschaften wie ein zentraler Kostentreiber. Sie verteuern nicht nur Benzin oder Heizöl, sondern schlagen über Transportkosten, Produktionskosten und Lieferketten auf viele andere Preise durch. Ökonomen sprechen hier von einem klassischen Kosteninflationsschock.

Die Erfahrung aus dem Jahr 2022 hat gezeigt, wie schnell sich dieser Mechanismus entfalten kann. Damals trieben Energiepreise die Inflationsrate in Deutschland zeitweise auf über zehn Prozent. Zwar ist ein solcher Extremwert derzeit unwahrscheinlich. Dennoch zeigt die aktuelle Entwicklung, wie sensibel die Preisentwicklung weiterhin auf geopolitische Risiken reagiert.

Das eigentliche Problem liegt jedoch weniger in einem möglichen Energiepreisschock allein, sondern in der wirtschaftlichen Ausgangslage Deutschlands.

Die deutsche Konjunktur ist bereits seit längerer Zeit schwach. Die Industrieproduktion stagniert, Investitionen entwickeln sich nur zögerlich, und die Konsumstimmung bleibt gedämpft. Die Wirtschaft bewegt sich eher in Richtung Stagnation als in Richtung eines robusten Aufschwungs.

Steigende Energiepreise könnten diese fragile Situation zusätzlich verschärfen. Wenn Unternehmen mit höheren Energie- und Transportkosten konfrontiert werden, reagieren sie häufig mit Preissteigerungen oder Investitionszurückhaltung. Gleichzeitig verlieren private Haushalte an Kaufkraft, weil ein größerer Teil ihres Einkommens für Energie und Mobilität aufgewendet werden muss.

Ökonomisch entsteht damit ein Szenario, das man als Stagflationsrisiko bezeichnet: schwaches Wachstum bei gleichzeitig steigenden Preisen.

Ein solcher Mix ist für die Wirtschaftspolitik besonders schwierig. Wenn die Inflation erneut steigt, kann die Europäische Zentralbank die Zinsen kaum deutlich senken. Höhere Zinsen wiederum bremsen Investitionen, Immobilienmärkte und Konsum – und damit auch die wirtschaftliche Erholung.

Die aktuellen Spannungen im Nahen Osten erinnern deshalb an eine strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft: ihre hohe Anfälligkeit gegenüber externen Energieschocks. Zwar hat Europa seine Gasversorgung seit der Ukrainekrise diversifiziert. Doch bei Öl und Flüssigerdgas bleibt der Weltmarkt entscheidend.

Geopolitische Krisen können daher jederzeit wieder zu Inflationsimpulsen führen.

Langfristig lässt sich diese Abhängigkeit nur durch strukturelle Veränderungen reduzieren – durch höhere Energieeffizienz, technologische Innovation und eine insgesamt produktivere Wirtschaftsstruktur. Solange diese Anpassungen nur langsam vorankommen, bleibt die deutsche Konjunktur besonders anfällig für externe Schocks.

Die Entwicklungen rund um die Straße von Hormus sind deshalb nicht nur eine geopolitische Krise. Sie sind auch ein wirtschaftlicher Stresstest für eine ohnehin fragile Konjunktur.