Das Märchen von der Gleichheit
Interessant, weil es zum Nachdenken anregt….SZ Artikel vom 10.01.26
– warum soziale Ungleichheit mehr ist als Geld
Die Debatte über soziale Gerechtigkeit konzentriert sich häufig auf Einkommen, Vermögen und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Diese ökonomische Perspektive ist wichtig, greift aber zu kurz. Der Essay „Das Märchen von der Gleichheit“ zeigt, dass soziale Ungleichheit tiefer reicht und vor allem aus immateriellen Statuskämpfen gespeist wird – aus dem menschlichen Bedürfnis nach Anerkennung, Prestige und sozialer Bedeutung.
Ausgangspunkt ist ein historisches Beispiel: die Aussteiger-Kommune Monte Verità im Schweizer Tessin um 1900. Die Gründer wollten ein egalitäres, naturverbundenes Leben ohne Hierarchien führen. Doch das Projekt scheiterte rasch an internen Konflikten. Nicht materielle Knappheit war der Kern des Problems, sondern Konkurrenz um Einfluss, Aufmerksamkeit und moralische Deutungshoheit. Dieses Scheitern steht exemplarisch für ein anthropologisches Grundmuster: Gleichheit mag als Ideal attraktiv sein, als gelebter Zustand ist sie instabil.
Der Text argumentiert, dass Statusstreben eine universelle menschliche Eigenschaft ist. Menschen vergleichen sich ständig mit anderen und versuchen, ihre Position zu verbessern. Diese Dynamik lässt sich politisch nicht abschaffen. Während ökonomische Ungleichheit zumindest teilweise durch Umverteilung, Steuern oder Sozialstaat abgefedert werden kann, folgt sozialer Status einer anderen Logik: Er ist relativ und hierarchisch. Anerkennung für den einen bedeutet zwangsläufig weniger Anerkennung für den anderen. Status ist damit ein Nullsummenspiel.
Besonders brisant ist, dass sich Statuskämpfe zunehmend vom Materiellen ins Symbolische verlagern. Moralische Haltung, politische Überzeugungen, kulturelle Codes oder Aktivismus werden zu neuen Distinktionsmerkmalen. Wer die „richtigen“ Positionen vertritt, sich sprachlich korrekt äußert oder als besonders konsequent gilt, sichert sich soziale Aufwertung. Diese Form der Ungleichheit ist schwerer sichtbar, aber emotional wirkmächtig.
Der Philosoph Hanno Sauer beschreibt diesen Mechanismus prägnant: Gesellschaften können nicht entscheiden, ob sie Ungleichheit haben wollen, sondern nur, mit welcher Form von Ungleichheit sie leben. Mit wachsendem Wohlstand verschärft sich das Problem sogar. Materielle Sicherheit reduziert Statuskonflikte nicht, sondern intensiviert sie, weil symbolische Unterschiede an Bedeutung gewinnen.
Der britische Wissenschaftsautor Will Storr spricht in diesem Zusammenhang vom „Status Game“. Status sei ein existenzieller sozialer Nährstoff. Wer ihn verliert, erlebt Kränkung, Wut und Angst. Studien zeigen, dass Statusverluste mit sinkendem Wohlbefinden, psychischen Belastungen und politischer Radikalisierung korrelieren.
Hier liegt der politische Sprengstoff: Menschen, die sich kulturell oder moralisch abgewertet fühlen, wenden sich gegen Eliten und Institutionen. Populistische Bewegungen profitieren weniger von materieller Not als von gefühlt verweigerter Anerkennung. Der Text warnt deshalb vor Gleichheitsutopien, die diese Dynamik ignorieren. Sie erzeugen neue Hierarchien – oft im Namen von Moral und Gerechtigkeit – und verschärfen gesellschaftliche Polarisierung.
Fazit:
Gleichheit ist ein normatives Ideal, aber kein stabiler gesellschaftlicher Zustand. Eine realistische Gerechtigkeitsdebatte muss anerkennen, dass soziale Ungleichheit nicht nur ökonomisch, sondern vor allem symbolisch entsteht. Wer das übersieht, fördert Eskalation statt Zusammenhalt.
Quelle:
Süddeutsche Zeitung, Essay: „Das Märchen von der Gleichheit“, 2026.
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