Europa droht beim digitalen Bezahlen denselben Fehler zu machen wie in vielen anderen Technologiebereichen: Während amerikanische Plattformen längst den Markt dominieren, diskutiert die Politik noch über Zuständigkeiten, Standards und institutionelle Parallelstrukturen. Die aktuelle Debatte um den digitalen Euro und das europäische Bezahlsystem Wero zeigt dieses Problem exemplarisch.

Eigentlich klingt die Idee überzeugend: Europa braucht mehr digitale Souveränität im Zahlungsverkehr. Heute dominieren amerikanische Anbieter wie PayPal, Visa, Mastercard oder Apple Pay den Alltag vieler Verbraucher. Jede Transaktion bedeutet damit auch ein Stück technologische und wirtschaftliche Abhängigkeit. Genau deshalb wurde Wero geschaffen – als europäische Antwort auf die US-Plattformen.

Doch nun droht ausgerechnet Europa selbst, seinem eigenen Projekt Konkurrenz zu machen.

Die Europäische Zentralbank treibt den digitalen Euro voran, der ab 2029 Realität werden könnte. Offiziell soll er digitales Bargeld sein – sicher, staatlich garantiert und europaweit nutzbar. Praktisch würde er aber viele Funktionen übernehmen, die Wero bereits heute anbietet: Geld senden, online bezahlen, später möglicherweise auch stationär im Handel zahlen.

Die Kritik von EPI-Chefin Martina Weimert ist deshalb nachvollziehbar. Europa baut womöglich zwei parallele Infrastrukturen für nahezu denselben Zweck auf. Das könnte teuer werden – für Banken, Händler und letztlich auch Verbraucher. Vor allem aber droht eine politische Fehlsteuerung: Statt eine bestehende europäische Lösung zu stärken, könnte der Staat eine konkurrierende Struktur schaffen.

Das Problem dahinter ist typisch europäisch. Europa denkt oft institutionell statt marktwirtschaftlich-strategisch. Während amerikanische Plattformen durch Skalierung, Nutzerfreundlichkeit und Geschwindigkeit wachsen, entsteht in Europa schnell ein Nebeneinander aus Regulierung, Förderpolitik und Parallelprojekten. Genau das könnte nun beim digitalen Bezahlen passieren.

Dabei hätte gäbe es durchaus eine Chance. Wero zählt bereits rund 50 Millionen Nutzer in Europa. Das System wird in Banken integriert, Kommunen testen die Anwendung, erste Händler akzeptieren die Plattform. Natürlich gibt es noch Probleme: Die Akzeptanz im Handel wächst langsamer als erhofft, große Händler zögern, und wirtschaftlich schreibt das Projekt hohe Verluste. Doch genau das ist in der Plattformökonomie nicht ungewöhnlich. Auch amerikanische Plattformen verbrannten jahrelang Milliarden, bevor Netzwerkeffekte einsetzten.

Hinzu kommt eine gewisse Ironie: Während Europa digitale Souveränität fordert, läuft Wero aktuell auf Cloud-Servern von Amazon Web Services. Das zeigt die eigentliche Schwäche Europas viel deutlicher als jede Sonntagsrede. Nicht nur bei sozialen Netzwerken oder KI, sondern selbst bei Infrastrukturprojekten fehlen oft wettbewerbsfähige europäische Alternativen.

Hinzu kommt ein weiterer strategischer Schwachpunkt Europas: die bislang schwache Entwicklung von Euro-Stablecoins und programmierbarem Geld. Während in den USA dollarbasierte Stablecoins wie USDT oder USDC bereits milliardenschwere digitale Finanzökosysteme antreiben, spielt der Euro im Bereich tokenisierter Zahlungsinfrastruktur bislang nur eine Nebenrolle. Dabei könnten gerade Euro-Stablecoins eine wichtige Brücke zwischen klassischem Bankensystem, Blockchain-Technologie und programmierbaren Finanzprozessen bilden – etwa für automatisierte Lieferkettenzahlungen, digitale Wertpapierabwicklung oder KI-gesteuerte Finanzagenten.

Europa diskutiert derzeit stark über Regulierung und institutionelle Zuständigkeiten, während andere Märkte bereits praktische Anwendungen entwickeln. Auch deshalb wirkt die Debatte um Wero und den digitalen Euro unvollständig: Ohne eine wettbewerbsfähige europäische Strategie für Stablecoins und programmierbares Geld droht Europa erneut, bei einer zentralen Finanzinnovation der nächsten Dekade lediglich Zuschauer zu bleiben.

Quelle: Der Beitrag basiert teilweise auf einem Bericht der Süddeutschen Zeitung über die Kritik von EPI-Chefin Martina Weimert am digitalen Euro und die Zukunft von Wero.