Deutschland diskutiert wieder einmal über höhere Belastungen für sogenannte „Spitzenverdiener“. Wer mehr verdient, soll mehr beitragen – so lautet die politische Logik. Doch die Debatte greift zu kurz. Denn das eigentliche Problem vieler Bürger ist längst nicht mehr allein die Höhe ihrer Abgaben. Das Problem ist das Gefühl, immer mehr zu zahlen und dafür immer weniger funktionierende staatliche Leistungen zu erhalten.

Genau an diesem Punkt lohnt ein Blick in die Schweiz.

Die Eidgenossen sind keineswegs ein Niedrigsteuerland ohne soziale Verantwortung. Im Gegenteil: Die Schweiz finanziert ihren Staat solide, erhebt Vermögensteuern und verlangt von Wohlhabenden durchaus erhebliche Beiträge. Dennoch wird der Staat dort von vielen Bürgern als leistungsfähig, effizient und vergleichsweise modern wahrgenommen. Das ist der entscheidende Unterschied.

In Deutschland dagegen entsteht zunehmend ein gefährlicher psychologischer Effekt: Nicht die Steuerzahlung selbst erzeugt Frust, sondern das Gefühl mangelnder Gegenleistung. Wer hierzulande ein Einkommen von 100.000 Euro erzielt, gehört statistisch zwar zu den oberen Einkommensgruppen. Nach Steuern und Sozialabgaben bleibt jedoch oft deutlich weniger übrig, als Außenstehende vermuten. Gleichzeitig erleben genau diese Leistungsträger täglich die Schwächen des Systems: verspätete Züge, überlastete Behörden, Fachärztemangel, schleppende Digitalisierung und marode Infrastruktur.

Das Problem lautet also nicht einfach „zu hohe Steuern“. Das Problem lautet: hohe Abgaben bei sinkender staatlicher Qualität.

Die Schweiz zeigt, dass es auch anders geht.

Dort zahlen Vermögende in vielen Kantonen eine progressive Vermögensteuer. Je nach Wohnort und Vermögenshöhe liegt sie bei bis zu rund einem Prozent pro Jahr. Dennoch ist die Schweiz keineswegs von Kapitalflucht oder wirtschaftlichem Niedergang geprägt. Im Gegenteil: Das Land zählt weiterhin zu den wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt und zieht sogar wohlhabende Unternehmer an.

Warum funktioniert das?

Weil viele Bürger dort das Gefühl haben, dass der Staat mit ihrem Geld verantwortungsvoller umgeht. Verwaltung, Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen gelten als effizienter. Behörden arbeiten schneller, der öffentliche Raum wirkt gepflegter, Genehmigungen dauern oft weniger lange, die Verkehrsinfrastruktur funktioniert stabiler und digitale Prozesse sind vielfach weiter entwickelt als in Deutschland.

Menschen akzeptieren hohe Abgaben eher dann, wenn sie dafür sichtbare Qualität erhalten. Gute Schulen. Funktionsfähige Krankenhäuser. Pünktlichen Nahverkehr. Digitale Behörden statt Faxgeräte. Schnelle Genehmigungen statt Formularlabyrinthe. Einen Staat, der Probleme löst, statt Prozesse zu verwalten.

In Deutschland dagegen entsteht oft der Eindruck eines paradoxen Systems: Die Bürger zahlen Beiträge auf dem Niveau eines Hochleistungsstaates, erhalten aber vielerorts Dienstleistungen, die zunehmend an strukturelle Überforderung erinnern.

Besonders problematisch ist dabei die politische Symbolik. Statt konsequent über Staatsmodernisierung zu sprechen, konzentriert sich die Debatte häufig reflexartig auf neue Belastungen für „die Reichen“. Doch dabei verschwimmen wichtige Unterschiede.

Ein gut verdienender Ingenieur, Arzt oder mittelständischer Manager mit 100.000 oder 120.000 Euro Einkommen ist nicht automatisch „superreich“. Gerade in Großstädten relativieren hohe Wohnkosten, Kinderbetreuung, Altersvorsorge und Inflation viele dieser Einkommen erheblich. Das eigentliche Vermögensproblem liegt woanders: bei extrem hohen Vermögenskonzentrationen im Millionen- und Milliardenbereich.

Die Vermögensverteilung in Deutschland gehört zu den ungleicheren in Europa. Große Vermögen wachsen häufig nicht primär durch Arbeit, sondern durch Kapitalerträge, Immobilienbesitz und Erbschaften. Genau dort müsste eine intelligente Steuerpolitik ansetzen – nicht bei produktiver Arbeit und beruflicher Leistung.

Eine moderne Vermögensteuer nach Schweizer Vorbild wäre deshalb zumindest diskussionswürdig. Nicht als populistische Strafmaßnahme, sondern als Teil eines neuen Gesellschaftsvertrags: Wer sehr große Vermögen besitzt, trägt stärker zur Finanzierung eines leistungsfähigen Gemeinwesens bei. Im Gegenzug verpflichtet sich der Staat zu höherer Qualität, mehr Transparenz und effizienterer Mittelverwendung.

Gerade die Digitalisierung zeigt die Schwächen Deutschlands besonders deutlich. Seit Jahren wird sie politisch beschworen, doch vielerorts bleibt sie ein Redemanuskript statt Realität. Bürger erleben weiterhin analoge Prozesse, komplizierte Verwaltungswege und fragmentierte Zuständigkeiten. Während andere Länder digitale Identitäten, moderne Online-Behörden oder automatisierte Verwaltungsprozesse ausbauen, diskutiert Deutschland häufig noch über Zuständigkeiten und Datenschutzformulare.

Nehmen wir beispielsweise die Erfahrungen mit der BundID.  Diese zeigen exemplarisch die Schwächen der deutschen Verwaltungsdigitalisierung: technisch ambitioniert, aber für viele Bürger unnötig kompliziert und wenig nutzerfreundlich. Probleme bei der eID-Aktivierung, unklare Registrierungsprozesse und inkonsistente Behördenportale sorgen häufig eher für Frust als für digitale Entlastung. Gerade im internationalen Vergleich – etwa mit der Schweiz oder skandinavischen Ländern – wird sichtbar, dass Digitalisierung nicht nur eine technische Frage ist, sondern vor allem eine Frage effizienter und serviceorientierter Verwaltung.

Die zentrale Frage lautet daher nicht: „Wie holen wir noch etwas mehr Geld aus Leistungsträgern heraus?“ Die entscheidendere Frage lautet: „Wie schaffen wir wieder einen Staat, bei dem Bürger das Gefühl haben, dass ihre Abgaben sinnvoll eingesetzt werden?“ Dann klappt es vielleicht auch mit der Akzeptanz einer Vermögenssteuer.

Quellenliste: