17 Millionen Euro Beratung: ein Verkehrsministerium auf Abwegen
Die Deutsche Bahn ist eines der größten Infrastrukturprobleme Deutschlands. Verspätungen, Baustellen, marode Netze, komplizierte Zuständigkeiten und eine oft schwer erkennbare Verantwortungsstruktur prägen seit Jahren das Bild. Umso erstaunlicher ist nun die Meldung, dass das Bundesverkehrsministerium unter Patrick Schnieder externe Beratung in großem Umfang einkaufen will. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung von Vivien Timmler sucht das Ministerium gleich drei Unterstützungsleistungen: strategische, rechtliche und technische Beratung zur Umsetzung der Bahn-Reformagenda. Insgesamt geht es um rund 17 Millionen Euro.
Natürlich kann externe Expertise sinnvoll sein. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass ein hochkomplexes System wie die Deutsche Bahn technisches, juristisches und organisatorisches Spezialwissen benötigt. Doch genau deshalb muss man genauer hinsehen: Wofür wird diese Beratung eigentlich eingekauft? Geht es um hochspezialisierte technische Fragen, etwa zur Digitalisierung der Infrastruktur, zur Einführung von 5G am Gleis oder zur konkreten Beschleunigung großer Bauprojekte? Oder geht es in Wahrheit um etwas, das zur originären Aufgabe des Ministeriums gehört: die Steuerung des Staatskonzerns Deutsche Bahn?
Der SZ-Bericht legt nahe, dass Letzteres zumindest ein wesentlicher Teil des Problems ist. Die Strategieberatung soll das Ministerium in „strategischen und eisenbahnfachlichen Fragen“ unterstützen, außerdem bei Projektorganisation und „Gesamtsteuerung“. Genau hier beginnt die Irritation. Denn die Steuerung der Deutschen Bahn ist keine Zusatzaufgabe, sondern Kernaufgabe des Bundes als Eigentümer. Wenn ein Ministerium externe Berater benötigt, um zu klären, wie es seinen eigenen Staatskonzern steuern soll, dann ist das weniger ein Zeichen moderner Verwaltung als vielmehr ein Eingeständnis institutioneller Schwäche.
Besonders problematisch ist die Größenordnung. 6,7 Millionen Euro für Strategieberatung, 5,3 Millionen Euro für Rechtsberatung und 5 Millionen Euro für technische Unterstützung – zusammen 17 Millionen Euro. Diese Summe wäre leichter zu rechtfertigen, wenn sie unmittelbar dazu beitrüge, Projekte schneller umzusetzen, Baustellen besser zu koordinieren, Planungsverfahren zu verschlanken oder operative Abläufe im Bahnnetz spürbar zu verbessern. Doch der Eindruck entsteht, dass ein erheblicher Teil des Geldes in Beratungsleistungen fließt, die eigentlich im Ministerium selbst vorhanden sein müssten: Strategie, Steuerung, Organisation, Eigentümerkontrolle.
Das verweist auf ein tieferes Problem der deutschen Verwaltung. Häufig fehlt es nicht an Programmen, Papieren und Reformankündigungen, sondern an Umsetzungskraft. Schnieders „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ wurde laut SZ bereits vor rund neun Monaten vorgestellt. Sichtbare Verbesserungen für die Kunden sind bislang aber kaum erkennbar. Die versprochene Entflechtung der Infrastrukturtochter DB Infrago bleibt weitgehend Ankündigung. Der Infraplan als zentrales Steuerungsinstrument liegt immer noch nicht vor. Die Trassenpreisreform kommt schleppend voran. Und der geplante Eisenbahninfrastrukturfonds scheint politisch und administrativ festzustecken.
Gerade deshalb wäre Beratung dort sinnvoll, wo sie konkret operative Engpässe löst: Wie werden Bauprojekte schneller geplant? Wie lassen sich Genehmigungen beschleunigen? Wie werden Schnittstellen zwischen Bund, DB Infrago, Ländern und Bauwirtschaft vereinfacht? Wie kann digitales Projektmanagement verhindern, dass sich Kosten, Termine und Zuständigkeiten ständig verschieben? Eine solche Beratung hätte einen klaren Nutzen: bessere Leistungen, schnellere Umsetzung, mehr Verlässlichkeit für Fahrgäste und Unternehmen.
Wenn aber externe Berater vor allem dafür bezahlt werden, dem Ministerium bei der eigenen Gesamtsteuerung zu helfen, dann stellt sich eine unbequeme Frage: Was machen eigentlich die dafür zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ministeriums? 17 Millionen Euro sind dann nicht nur ein Beratungsbudget. Sie sind ein Symptom dafür, dass der Staat seine Rolle als aktiver, kompetenter Eigentümer der Bahn nicht ausreichend ausfüllt.
Die Deutsche Bahn braucht keine weitere Steuerungsrhetorik, sondern bessere operative Führung, klare Verantwortlichkeiten und konsequentes Projektmanagement. Beratung kann dabei helfen. Aber sie darf nicht die ministerielle Verantwortung ersetzen. Wenn der Staat Eigentümer eines so zentralen Infrastrukturunternehmens ist, muss er auch die Fähigkeit besitzen, dieses Unternehmen strategisch zu führen. Sonst wird aus Beratung ein teurer Ersatz für Verwaltungskompetenz.
Quelle: Vivien Timmler, „Versteht irgendjemand die Bahn?“, Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 20. Juni 2026.
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