Ökonomen schauen zuweilen zu wenig auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Soziologie bieten dafür Methoden und Untersuchungen. Folglich kann man dann dankbar sein, dass zwei namhafte Soziologen – Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger –  auf der Republica 2026 ihre Erkenntnisse mit uns teilen. In deren Vortrag wurde ein gesellschaftlicher Befund diskutiert, der drastisch ist: die wachsende Zerstörungslust in westlichen Demokratien.

Die präsentierten Studien zum sogenannten „Need for Chaos“ wirken auf den ersten Blick schockierend: z.B. dass mehr als 15 % der US-Amerikaner Aussagen zustimmen wie:
„Die Gesellschaft sollte bis auf die Grundmauern niedergebrannt werden.“
Oder:
„Lasst sie einfach alle verbrennen.“

Die eigentliche Brisanz: diese Haltung entsteht nicht einfach aus Armut oder klassischer politischer Radikalität. Sie wächst aus einem gesellschaftlichen Klima permanenter Konkurrenz, gefühlter Abwertung und sozialer Entsolidarisierung.

Immer stärker prägt eine Philosophie des Nullsummenspiels unsere Gesellschaft: Wenn der andere gewinnt, verliere ich. Wenn jemand Unterstützung erhält, fehlt sie angeblich mir. Wenn soziale Gruppen aufsteigen, wird dies als persönlicher Statusverlust wahrgenommen. Wenn Minderheiten (Migranten und Bürgergeldempfänger) Ressourcen bekommen, fehlen diese den anderen und diese fühlen sich benachteiligt.

Genau darin liegt eine erhebliche Gefahr für demokratische Gesellschaften.

Denn Demokratien leben von der Vorstellung gemeinsamer Interessen, gemeinsamer Institutionen und eines Mindestmaßes an Solidarität. Das Nullsummenspiel dagegen produziert Misstrauen zwischen gesellschaftlichen Gruppen. Es verschiebt Konflikte horizontal: Arbeitnehmer gegen Bürgergeldempfänger, Jung gegen Alt, Einheimische gegen Migranten, öffentliche Beschäftigte gegen Privatangestellte.

Die eigentlichen Macht- und Vermögenskonzentrationen geraten dabei aus dem Blickfeld. Während sich große Teile der Gesellschaft gegenseitig für knappe Ressourcen verantwortlich machen, wachsen Vermögensungleichheit, Marktmacht und Kapitalkonzentration weiter an. Die horizontale Verteilung gesellschaftlicher Konflikte stabilisiert paradoxerweise die vertikale Ungleichheit.

Oder einfacher formuliert:
Wenn sich die Mittelschicht mit anderen gesellschaftlichen Gruppen beschäftigt, beschäftigt sie sich weniger mit den Strukturen wirtschaftlicher Macht.

In einer hoch fragmentierten Gesellschaft ist ein moralischer Rückzug der Solidarität zu verzeichnen. Wer scheitert, gilt dann als selbst verantwortlich. Wer Unterstützung braucht, wird zum Kostenfaktor. Gesellschaft wird nicht mehr als gemeinsames Projekt verstanden, sondern als permanenter Verteilungskampf. Margaret Thatcher sagte bereits1987 in einem Interview den berühmt gewordenen Satz:

„There is no such thing as society. There are individual men and women and there are families.“

Gerade in ökonomisch angespannten Zeiten entfaltet dieses Denken enorme Sprengkraft.

Denn viele Menschen erleben reale Unsicherheit: steigende Mieten, Zukunftsängste, Digitalisierung, KI-getriebene Veränderungen der Arbeitswelt und das Gefühl, sozial austauschbar zu werden. Wenn gleichzeitig politische Institutionen als langsam oder wirkungslos wahrgenommen werden, entsteht Frustration. Und Frustration sucht sich Ziele.

Die Forschung, auf die sich der Vortrag stützte, zeigt dabei einen wichtigen Punkt: Viele destruktive Einstellungen entstehen nicht bei den ökonomisch Schwächsten, sondern häufig bei Menschen mit verletztem Statusbewusstsein. Menschen also, die glauben, eigentlich Anspruch auf mehr gesellschaftliche Anerkennung oder Sicherheit zu haben.

Das erklärt auch die emotionale Härte vieler aktueller Debatten. Es geht oft längst nicht mehr nur um Sachfragen, sondern um Identität, Anerkennung und Abstiegsängste.

Hinzu kommt die Logik sozialer Medien. Empörung, Zuspitzung und Polarisierung erzeugen Aufmerksamkeit. Der digitale Raum belohnt Konflikte stärker als Kooperation. Aus Unsicherheit wird Ressentiment, aus Ressentiment entsteht politische Radikalisierung.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht nur in wirtschaftlicher Umverteilung, sondern in der Wiederherstellung gesellschaftlicher Solidaritätsstrukturen. Demokratie braucht mehr als Wahlen und Institutionen. Sie braucht das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein.

Wenn dieses Gefühl verloren geht, wächst die Versuchung destruktiver Politik:
Nicht mehr Verbesserung, sondern Beschädigung des Systems wird dann zum Ziel.

Genau darin liegt die eigentliche Warnung der aktuellen Forschung. Nicht der offene Umsturz gefährdet moderne Demokratien zuerst, sondern die langsame Erosion von Vertrauen, Solidarität und gemeinsamer Wirklichkeit.