Das goldene Handwerk im Zeitalter der KI
Der Boom der künstlichen Intelligenz wird meist als Erfolgsgeschichte von Algorithmen, Daten und Hochleistungsrechnern erzählt. Im Mittelpunkt stehen Softwareentwickler, KI-Forscher und Tech-Konzerne. Weniger beachtet wird dabei eine fast paradoxe Begleiterscheinung: Ausgerechnet klassische Handwerksberufe erleben durch den KI-Boom eine neue Blüte. Elektriker, Klempner und Spezialisten für Kühl- und Energietechnik sind plötzlich Mangelware – und strategisch unverzichtbar.
Der Grund liegt in der physischen Realität digitaler Technologien. Künstliche Intelligenz existiert nicht im luftleeren Raum. Sie benötigt riesige Rechenzentren, leistungsfähige Stromanschlüsse, komplexe Kühlsysteme und stabile Gebäudestrukturen. Unternehmen wie OpenAI oder Meta investieren Milliarden in neue Infrastruktur – und stoßen dabei weniger an Grenzen der Softwareentwicklung als an Engpässe im Bau- und Handwerkssektor.
Besonders gefragt sind Elektriker für Hochspannungsanlagen, Fachkräfte für Klima- und Kühltechnik sowie Bauleiter mit Erfahrung in Großprojekten. Studien aus den USA zeigen, dass in den kommenden Jahren Hunderttausende zusätzliche Handwerker benötigt werden, um den Ausbau der KI-Infrastruktur zu bewältigen. Diese Nachfrage trifft auf einen Arbeitsmarkt, der bereits durch demografische Effekte ausgedünnt ist: Viele erfahrene Fachkräfte gehen in Rente, während der Nachwuchs lange Zeit eher akademische Karrieren anstrebte.
Ökonomisch führt das zu einer bemerkenswerten Verschiebung. Während bei vielen Büro- und Wissensberufen die Sorge vor Automatisierung wächst, gelten handwerkliche Tätigkeiten als vergleichsweise robust gegenüber KI-Substitution. Kabel müssen real verlegt, Kühlsysteme installiert und Anlagen gewartet werden. Das stärkt die Verhandlungsmacht der Beschäftigten, treibt Löhne und macht handwerkliche Berufe wieder attraktiver.
Der KI-Boom macht damit eines deutlich: Digitale Zukunftstechnologien basieren auf sehr materiellen Voraussetzungen. Ohne funktionierende Stromnetze, Kühlung und Baukompetenz bleibt selbst die beste KI Theorie. Das „goldene Handwerk“ ist kein nostalgischer Gegenentwurf zur Hightech-Ökonomie, sondern ihre unverzichtbare Grundlage.
Quelle: t3n, „Ironie des KI-Booms: Warum OpenAI und Meta gerade händeringend Elektriker und Klempner suchen“, Januar 2026.
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